„Oh, ein Taubsi!“ Was ich in meinen ersten Stunden als Pokémon-Go-Jägerin gelernt habe…

„Schau mal, ein Taubsi!“ Meine Mutter fragt sich vermutlich gerade, wen oder was sie da 36 Jahre lang großgezogen hat. Geduldig folgt sie mir trotzdem ein paar Meter weiter. Ich habe eigentlich keine Ahnung, was ein Taubsi sein soll. Aber anscheinend ist es sowas wie eine Eule und ich soll es jetzt fangen, sagt meine Handy-App. Sekundenlang stehen wir einen Moment später gemeinsam vor einer Hausmauer, starren auf einen Geist und ich wirke dabei wie eine Frau, die gerade ein Katzenbaby gefunden hat und nun überlegt, wo sie auf die Schnelle ein Schälchen Milch herbekommt. Immerhin versuche ich nicht, das eulenartige Ding, das lediglich auf meinem Handy-Display Realität ist, zu streicheln. Dafür verdecke ich mit meiner Hand verschämt mein iphone, als jemand vorbei kommt. Wie peinlich…

pokemon4Ich bin ein Opfer. Seit Wochen lese ich, wenn man von diversen schrecklichen Ereignissen absieht, kaum etwas anderes als „Pokémon hier, Pokémon da“. Und wie so oft habe ich es tagelang geschafft, Pokémon Go nicht herunterzuladen, nachdem es auch in Österreich endlich erhältlich war. Bis heute jedenfalls. Ich muss halt einfach mitreden können. Wenigstens kann ich behaupten: „Ich bin Journalistin, ich muss ja am Ball bleiben.“ Neugierde pur. Warum sind die einen so genervt und die anderen so begeistert von diesem neuen Spiel, das die virtuelle mit der realen Welt verbindet?

„Pikachu ist das Gelbe, gell?“

pokemon1Es ist ein bisschen so wie damals mit Tinder. Zuerst hatte ich wochenlang Bedenken, mich überhaupt auf die Partnersuch-App einzulassen, fragte zig Leute, was der Reiz daran sein soll, Fotos nach links und rechts zu wischen, und dann war ich plötzlich selbst angemeldet. Gefolgt von stundenlangen panischen Tweets: „Hä? Was mach‘ ich da jetzt wieder? Und wenn ich drauf klicke? Ah, Hilfe!“ Ähnlich ist es heute: „Oje, was soll ich da bitte machen?“ – „Du musst einfach nur Pokémon finden und sie dann gefangen nehmen.“ Oder so. Aha. Und irgendwie muss man dafür dann auch „in die Arena gehen“, was auch immer das heißt. Ich sehe mich schon als Gladiatorin. Und überhaupt soll ich am besten gleich nach Pikachu suchen. „Ah, das ist das Gelbe, gell?“ Pikachu ist das einzige Pokémon, das ich kenne. Ich war da damals nicht so am Puls der Zeit. Wenn ich mich richtig erinnere, besaß ich als Teenie nicht einmal ein eigenes Tamagotchi.

Die erste Suche nach diesen Pokémon-Dingern lege ich mit dem Bus zurück. Also nicht absichtlich, sondern weil mir da gerade fad genug ist, um dem Spieleentwickler Niantic Zugang zu meinen diversen Daten zu gewähren. Das Problem: Ich bin im Bus, die Viecher sind draußen. Und ganz sicher werde ich nicht aussteigen, um so ein Ding zu fangen. Ganz sicher nicht. Aber gleich bei meiner Haltestelle taucht direkt vor mir ein Bisasam auf. Ein bitte was? Ein Bisasam. Sagt meine App. Ein Viech halt. Woooosh, ich schieße mit diesem virtuellen Ball danach, es ist gar nicht so schwer und ich bekomme Punkte. Auf dem Parkplatz vor meinem Haus steht mir dann noch ein Taubsi im Weg. Wer auch immer das dahin getan hat und warum. Das muss auch weg.

Drei virtuelle, aber umso mehr reale Entdeckungen

pokemon3Drei Eroberungen an meinem ersten Pokémon-Go-Tag. Ich habe keine Ahnung, ob das jetzt gut ist. Ich finde das Ganze auch immer noch ein bisschen unheimlich. Muss aber gleichzeitig bei dem Gedanken lachen, dass mich irgendein blaues Ding nur eine Stunde zuvor zu unserem Grätzel-Nachbarschaftsgarten geführt hatte. Also zu dem Ort, an den ich sowieso wollte. Das Blaue war dabei nur nichts zum Fangen, sondern der Hinweis darauf, dass sich hier eben der Grätzel-Nachbarschaftsgarten befindet. Eh lustig und für Ortsunkundige vielleicht informativ und und überhaupt.

Aber noch besser ist es im Garten selbst. Dort gibt’s zwar kein Pokémon, dafür aber ein paar rosarote Dinger. Rubus idaeus. Himbeeren. So richtig echte zum Naschen. Die verlangen jetzt meine volle Aufmerksamkeit und diese Pokémon (ja, ich habe inzwischen gelernt, dass es nicht „Pokémons“ heißt) sind mir für den Rest des Abends egal. Und als ich kurz darauf den gigantischen Sonnenuntergang über Wien fotografiere, wird mir klar: Es ist sicher toll, dass viele Pokémon-Go-User jetzt öfter an die frische Luft gehen. Dass manche Hunde und Lebensabschnittspartner nun möglicherweise öfter rauskommen, als es ihnen lieb ist. Aber ich für meinen Teil werde wohl auch in Zukunft lieber meine Kamera einpacken und schöne Momente einfangen oder einfach nur tratschenderweise spazieren gehen, als virtuelle Bisasams, Taubsis und Pikachus zu jagen.

himbeerenselfie  sunset2016juli

 

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