Lieber abgefuckt als trendig: Warum mich neue Lokalkonzepte skeptisch machen

Sonntag vor ein paar Wochen. 10 Uhr. Ein Freund feiert seinen Geburtstag nach. Aus irgendeinem Grund, der mir nicht ersichtlich ist, treffen wir uns in der „Vollpension“ nahe der Technischen Uni. Wir sind eine relativ große Runde aus Erwachsenen und drei Babys. Kinderwagentauglich ist das Lokal nicht wirklich, aber es geht irgendwie. Zumindest wirken die Eltern halbwegs entspannt.

Vollpension _ c Sabine Karrer

Mit etwas Verspätung treffe ich ein und quetsche mich am Eingang erst einmal an einigen Menschen vorbei, für die es keinen Platz mehr gibt. Leider voll. Eh super fürs Lokal, das freut mich. G. hat das glücklicherweise vorher gewusst und reserviert. So weit ich sehen kann, besetzen wir den größten Tisch, trotzdem müssen wir uns stapeln. In zwei Stunden werden die nächsten Gäste kommen, kündigt ein Schild in der Mitte freundlich, aber bestimmt an.

Ich gähne vor mich hin, es ist spät geworden am Vorabend. Ein Koffein-Schub wird helfen, denke ich und mache mich auf, um Kaffee zu suchen. Der ist ganz am anderen Ende des Lokals und kommt aus der Kanne. Ich jongliere das Häferl durch den Raum und platziere mich wieder auf meinem Sessel, nachdem ich mich Tetris-artig dorthin gekämpft habe. Ein Teil meines Kaffees hat die artistische Einlage nicht überlebt und schwimmt inzwischen auf der Untertasse. Mist, Milch vergessen. Und nochmal zurück.

Ich scheitere an der Eierspeis‘

G. drückt mir eine Plastikmünze in die Hand. „Für die Eierspeise“, sagt er. Eierspeise klingt gut, mein Magen knurrt. Der Tisch, an dem es die Frühstücks-Utensilien gibt, befindet sich in der Mitte des Lokals. Eine Dame steht hinter dem kleinen Herd und schwenkt die Pfanne. Vor ihr: kleine Schüsselchen mit Zwiebeln, Paprika und Co. Vor mir: ungefähr acht hungrige Menschen. Ich steige von einem Bein auf das andere, wische mir den Schlaf aus den Augen. So verbringe ich einige Minuten, bis ich merke, dass die Dame jede Speise einzeln nach den Wünschen des jeweiligen Gastes zubereitet. Quasi der Subway des Frühstücks, nur noch langsamer. Ich gebe auf, schnappe mir einen Teller, ein Brot und lege scheibchenweise Wurst und Käse drauf. Eigentlich hätte ich gerne Butter dazu, doch die finde ich nicht. Egal, bevor ich wieder das halbe Lokal danach absuchen muss, dann eben ohne. Den Plastiktaler drücke ich G. wieder in die Hand. Keine Eierspeise für mich, danke.

Der „Vollpension“ will ich keinesfalls unrecht tun. Es ist ein sehr liebes Lokal. Wie die  Frühstückerinnen in ihrem Blog schreiben: Man fühlt sich wie in eine andere Zeit versetzt, das Lokal ist wahnsinnig nett eingerichtet, mit viel Kitsch und gemütlichen, bunt zusammengewürfelten Sesseln und Couches. Wer sowas mag, fühlt sich bestimmt wohl.

Urig und gemütlich soll es sein

Tachles _ c Sabine KarrerWas ich halt mag: Samtüberzogene Sitze in alten Kaffeehäusern, vorzugsweise gepaart mit dem Geruch von Zigarettenrauch. Alte und neue Konzert- und Filmplakate an den Wänden. Charmant-grantige Kellner, die Melange, Bier und Speisen an den Tisch bringen. Urige Beisln und Pubs. Lokale, die so abgefuckt sind, dass es noch als gemütlich durchgeht. Am liebsten habe ich sowieso fesche Schanigärten mit viel Grün und großen Sonnenschirmen, unter denen man auch im Regen sitzen kann. Oder bequeme Lederbänke, wie wir sie aus amerikanischen Serien kennen. Dazu feine Musik und nette Gesellschaft. Und bitte: Am liebsten möchte ich meinen Tisch nicht von … bis … reservieren müssen, sondern einfach so lange sitzen bleiben, wie es lustig ist.

MannMitHund _c Sabine KarrerDas es das alles schon gibt, ist mein Glück.
Wien, ich mag dich.

Aber keine Sorge, ich werde auch beim nächsten Freundeskreis-Treffen gerne gemeinsam mit euch was Neues ausprobieren. Wenn ich’s mir aber aussuchen kann: Ihr wisst Bescheid…

 

Und im Übrigen liefern solche Lokale meistens auch noch die besten Geschichten, wie das Foto rechts zeigt. 🙂

 

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