Hampi: Barfuß über Stock und Stein

Jeder von uns hat Sehnsuchtsorte. Orte, an die wir uns besonders gerne erinnern. Oder Orte, die es nur in unserer Fantasie gibt. Hampi ist irgendwie beides davon.

Wenn ich an Hampi denke, stehe ich in Gedanken sofort wieder auf diesem  „verdammten! verdammten! verdammten!“ Hügel und schaue zu, wie die riesengroße südindische Sonne die ohnehin so surreale Landschaft langsam in rotes Licht taucht. Ich sitze wieder auf einem der noch von der Hitze des Tages erwärmten Felsen und kann meinen Blick nicht von dem unglaublichen Tempel lösen, der fast unscheinbar und gleichzeitig so präsent vor einer wunderbaren Bergkette steht. Ich spüre wieder, wie meine Füße einen Stein nach dem anderen erklimmen, wie ich bei jedem Schritt fluche, nach Luft ringe, gleichzeitig lache und (fast) weine und mich fühle, als würde ich gerade den Mount Everest besteigen. Und ich denke daran, wie atemberaubend, wie berauschend der Anblick ist, der sich mir von oben präsentiert. Die Glückshormone schlagen Purzelbäume.

Die Erinnerung an Hampi sorgt sogar jetzt dafür, dass ich mich lebendig fühle und gewissermaßen meine Sprache wieder finde. Hampi und ein Gespräch mit einem Reiseautor. Mein letzter Blogbeitrag ist mehr als ein halbes Jahr her, ich hatte zwischendurch ein bisschen die Lust am privaten Schreiben verloren. Aber wie das Leben so spielt, sitze ich eines Tages in einer Runde mit diesem Autor, wir sprechen über das Reisen, das Schreiben darüber und über Reisevorbereitungen. Ich lache und sage, dass ich mich künftig wohl wieder mehr mit den Orten, die ich bereise, beschäftigen sollte. Dass ich vieles zwar gerne auf mich zukommen lasse, aber nie ernsthaft auf die Idee gekommen wäre, ich würde einmal barfuß auf einen eher unwegsamen Hügel im Süden Indiens klettern. Während ich rede und lache, tauchen plötzlich wieder diese Bilder in meinem Kopf auf und ich denke nur noch: Ich. Muss. Das. Aufschreiben.

Natürlich könnte ich mich ohrfeigen, als ich feststelle, dass die Wanderschuhe in unserem Basislager in Gokarna geblieben sind.

Der Hügel alleine ist schon ein Erlebnis. Der Ausblick von dort oben, ich übertreibe nicht, raubt einem beinahe den Atem, wenn es nicht schon der Aufstieg getan hat. Rasch wird aus „Way to Hill“ für mich „Way to Hell“. Fluchen, lachen, weinen. Natürlich könnte ich mich ohrfeigen, als ich feststelle, dass sowohl meine Converse als auch meine Wanderschuhe in unserem Basislager in Gokarna, rund acht Autostunden entfernt von Hampi, geblieben sind. Ich dachte, Flip Flops und Ballerinas würden für die Besichtigungen schon reichen. Möglicherweise habe ich, etwas geschwächt von Arbeit und Umzug zu Hause und von meiner ersten Lebensmittelvergiftung (juhu, echt die erste!) in Indien (Hat jemand von euch „Der Exorzist“ gesehen? ;)) einfach gar nicht gedacht. Ich bin sogar ziemlich sicher, dass ich die ersten Tage in Gokarna in relativer Trance verbracht habe, nicht sicher bin ich dagegen, ob das meine Mitreisenden bemerkt haben. Die anderen Tourist*innen definitiv nicht, denn das Gute an Gokarna, einer Art kleinem Goa vor der großen Kommerzialisierung, ist: Da fällst du in dem Zustand nicht auf. Null. Die meisten würden vermuten, du suchst dich einfach nur selbst, dabei hast du überhaupt nichts verloren und schon gar nicht dich selbst, das ist aber den anderen Suchenden eher egal und auch irgendwie okay.

Die Hampi-Hügelgeschichte ist eine Art Fortsetzungsgeschichte in zwei Teilen…

Erster Abend, Hampi. Wir spazieren in Richtung des „Way to Hill/Hell“ und mir wird schön langsam klar, dass das ohne Wanderschuhe blöd werden könnte. Wir suchen einen netten Platz am Fuß des Hügels, sehr romantisch. Anfangs beobachte ich noch kritisch den sicher einen halben Meter langen, fetten, schwarzen Tausendfüßler, ob er eh schön in seiner Ecke des Felsens bleibt. Irgendwann wird er mir egal und ich genieße einen der tollsten Sonnenuntergänge, die ich je gesehen habe. Davor und danach beäuge ich allerdings kritisch aus meiner sicheren Position, wie Menschen auf den Hügel und wieder herunter klettern. „Schaff ich nie! Nicht mit DEN Schuhen!“ Ich checke natürlich ganz genau ab, wo der „gute“ Weg sein muss und beschließe: Ich kann da unmöglich raufgehen. Und ich trete mich selbst: Ich MUSS da rauf, sonst werde ich es mein Leben lang bereuen.

Zweiter Abend, Hampi. Ausgeruht und quasi total gechillt. Wenn ich da jetzt nicht raufgehe, dann mache ich es niemals. Die ersten Schritte auf den Hügel klappen ganz gut. Meine Schuhe mit den rutschigen Sohlen habe ich in meinem Rucksack verstaut. Barfuß bewege ich mich von Felsen zu Felsen. Fast leichtfüßig, also nicht gerade wie eine Gazelle, aber für unsere Zwecke (wir wollen halt rauf) reicht’s schon. Je weiter wir raufkommen, umso brenzliger wird es für mich. Stichwort: dezente Höhenangst. Fachbegriff: keine Ahnung, aber wurscht, Angst. Für mein Empfinden geht es stellenweise auch ganz schön steil runter und die einzige Treppe, die direkt in die Felswand gehauen wurde…. also sagen wir so: Jetzt wäre ich doch gerne eine Gazelle.

Am Ende des (zweiten) Tages bin ich also fast ganz oben. Auf der ersten Plattform zumindest, das reicht. Um auf die zweite Plattform zu gelangen….. es ist wirklich schrecklich, Leute, aber das reicht. Zur zweiten Plattform geht’s über ein Plateau, das sich direkt Richtung „Tod durch Abstürzen“ neigt. Immerhin weiß ich inzwischen, wo man die ganzen Österreicher und Bayern trifft, die sich zur gleichen Zeit wie wir in Hampi aufhalten: „Haha am Berg!“ (lachen wir zumindest mit Ingrid, die wir zufällig auf der ersten Plattform gemeinsam mit ihrem Mann, ebenfalls Österreicher, und zig anderen Österrreich-Touris treffen).

Beim Hinuntersteigen helfen mir die vielen neuen Kontakte natürlich wenig bis gar nichts, aber ich schaffe es. Und schaue dabei sicher nur halb so dämlich aus wie der Typ neben mir, Haltungsnote quasi nicht vorhanden, da hilft ihm auch sein gutes Schuhwerk nichts. Ich fühle mich wie eine Figur aus einem Videospiel, war selten jemals so konzentriert wie bei diesem Abstieg. Und ich habe mich selten so gut gefühlt wie beim Anblick eines Tuk-Tuk-Fahrers am Fuße des Mount Everest Hügels. Ach, Hampi… Vermutlich komme ich nie wieder, du warst einfach wie ein Traum. Aber wie ein verdammt geiler Traum.

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2 Gedanken zu „Hampi: Barfuß über Stock und Stein“

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