Noch einmal 20? Muss nicht sein.

„Wie alt bist du, Sabine?“ – „37.“
„Wie alt bist du, Sabine?“ – „38.“

Vor einer Sekunde war es noch gestern und heute muss ich plötzlich ein ganzes Lebensjahr dazu rechnen. Geburtstage, naja. Die 38 fühlt sich jetzt nicht wirklich schlechter an, ich mochte die Zahl 37 einfach lieber (und das, obwohl ich gar keine Zahlen mag), aber der Gewöhnungseffekt setzt rasch ein, ist ja zu Silvester auch nicht anders.

Wenn mich jemand fragt, ob ich generell ein Problem mit meinem Alter habe, antworte ich relativ überzeugt mit „nein“. Relativ, weil glaube ich einfach niemand wirklich gerne alt wird. Angst vorm körperlichen Verfall, vorm Tod, usw. Ansonsten hat es wie so vieles im Leben Vor- und Nachteile und auf Grund dieser stocktrockenen Analyse 😉 war wohl zu erwarten, dass mich die 38 nicht in Panik versetzen würde, aber reden wir gerne in ein paar Jahren weiter. Dass ich ausgerechnet einen Tag vor meinem Geburtstag zwei graue Haare entdecken würde, die da vorher noch nicht waren, okay. Kurzer Facebook-Post dazu, um mich über mich selbst lustig zu machen, alles wieder gut.

Als Teenager hätte ich gerne freiwillig ein paar Jahre übersprungen, alleine schon, um den ganzen „Komm du mal in mein Alter, dir fehlt doch komplett die Lebenserfahrung“-Sagern etwas entgegnen zu können. Um endlich diese blöde Schulzeit abschließen zu können. Um bei den Älteren mitspielen zu können, die so unendlich viel cooler gewirkt haben als wir und für die wir so unendlich uncool waren. Ach Leute, ich hatte damals überhaupt keine Ahnung, wie kompliziert das Leben noch werden würde. Aber in your face, ihr „Was weißt du schon vom Leben“-Leute: Inzwischen weiß ich es so gut wie ihr damals. Dass Leute, die „Du hast doch keine Ahnung vom Leben“ oft selbst gar nicht so viel Ahnung vom Leben haben. Dass Schule eigentlich gar nicht so doof ist. Und dass die Älteren ihre fehlende Coolness nur besser überspielen konnten als wir Jungen. Ich weiß heute, dass die saumäßig mühsame Fachbereichsarbeit mit gerade mal zwei Dutzend Seiten (aus heutiger Sicht) nichts war, weil mich meine Diplomarbeit später erst richtig viele schlaflose Nächte gekostet hat. Dass es schon gut war, den ersten Ferialjob genauso wichtig zu nehmen wie den ersten „echten“ Job Jahre später, dass ich mir aber auch viel Kummer hätte ersparen können. Und definitiv weiß ich heute, dass „the first cut“ nicht „the deepest“ ist, sondern „a Lerchalschaß“ im Vergleich mit allem, was danach kommt. Alles wichtige Lebenslektionen.

Ich versuche mir dieses „Komm du mal in mein Alter“ vor Jüngeren trotzdem weitgehend zu sparen, denn ehrlich: Die sollen bitte so unbeschwert wie möglich ihr Leben leben und ihre eigenen Erfahrungen machen. Darum geht es doch beim Älterwerden, oder hab ich das Kleingedruckte im Masterplan des Lebens falsch interpretiert? Und manche von ihnen haben im Leben schon dermaßen viel Scheiße erlebt, dass ich denen sicher nichts zu erzählen brauche. Keine Ahnung, mir geht zum Beispiel schon den ganzen Tag dieser Satz aus einem ZDF-Kommentar nicht aus dem Kopf: „Es gibt in Syrien heute keine Siebenjährigen, die jemals in Frieden gelebt haben.“ Schöne Scheiße, oder? Denen brauchst du überhaupt nichts über das Leben zu erzählen, die musst du eigentlich nur in den Arm nehmen, sie beschützen und ihnen zuhören. Da kannst du mit deiner Lebenserfahrung höchstens dich selbst davor schützen, dass dich das, was sie erlebt haben, auffrisst, also im Sinne von „irgendwie damit umgehen“, nicht zerbrechen, Verantwortung übernehmen.

Jedenfalls, 38, okay. Freundin K. hat mir dieser Tage ein Foto geschickt, das mich mit höchstens Anfang 20 zeigt. Sie lache gerade Tränen, meint sie, weil sie sich unsere Jugendfotos anschaut. Sollte ich beschließen, meinen 40er in zwei Jahren dann echt größer zu feiern, kommen mehr davon. Werde ich, liebe K., bitte bereite schon mal alles vor. 😉 Trotzdem schaue ich mir mein altes Foto auch mit einem weinenden Auge an. Mit dem Abstand von mehr als 15 Jahren finde ich, dass ich darauf gut aussehe, aber ich weiß, dass ich das damals ganz anders empfunden habe. Nie hätte ich mich als attraktiv bezeichnet. Und hat mal jemand sowas gesagt, habe ich das sofort beschämt abgetan, á la „der/die will eh nur nett sein / hat Mitleid / will mich verarschen“. Ich sehe eine junge Frau, die ständig an sich herumgezupft hat, um irgendeine Körperstelle zu bedecken, weil sie sich wahnsinnig dick gefunden hat. Null Selbstbewusstsein. Ich weiß, dass ich mich in manchen Situationen am liebsten in Luft aufgelöst hätte. Bloß nie zu sehr auffallen, bloß nie blöde Blicke oder Kommentare riskieren. Ich erinnere mich, dass es viele glückliche Momente gegeben hat, aber auch viele unglückliche. Diese „bloß nie zu viel riskieren“-Einstellung macht nämlich manchmal ganz schön einsam. Man hat Freunde, aber irgendwie fühlt man sich manchmal, als wäre man selbst auf der Strecke geblieben, weil das eigene Leben dahinplätschert, während andere es einfach leben. Diese Sache mit dem Verliebtsein war bei mir lange eine sehr einseitige Sache. Sprich: Ich hab mich verknallt, aber nichts gesagt oder gezeigt und mich im Gegenteil sogar noch eher abweisend verhalten, damit der andere ja nicht auf den Gedanken kommen könnte, dass… und mich dadurch auch gar nicht abweisen kann… Naja, hat auch ganz gut geklappt, abgewiesen worden bin ich tatsächlich nicht und den ersten Freund hatte ich dann halt erst mit 18 oder so. Oder so heißt vermutlich, dass es später war, aber 18 klingt nicht ganz so peinlich. Na gut, ich bin 38 und stehe über den Dingen, ich war 20, glaub ich. Auf jeden Fall gab‘s damals ICQ und es war Winter.

Ich habe aber auch da nicht viel riskiert und deswegen war ich wohl nicht sehr lange „zusammen“. Ihr seht, die Taktik meines jungen Ichs war eine ziemlich schlechte. Nicht, weil man unbedingt mit jemandem zusammen sein muss, aber wenn alle rundherum… man will halt auch mal irgendwo mit seinem Freund auftauchen oder einfach nur sagen können, dass man schon einen Freund hatte, und wissen, wie das ist. Nun und so ist es dann auch weitergegangen und so hundertprozentig überwunden habe ich dieses Selbstschutzverhalten nie, aber irgendwann ist es besser geworden, ich habe Körbe bekommen und Spaß gehabt beziehungsweise habe ich Spaß und immer noch Angst vor Körben, aber zumindest weiß ich inzwischen, dass man nur Spaß haben kann, wenn man riskiert, etwas/jemanden zu verlieren. Oh f***, dieses Erwachsensein macht manchmal auch ganz schön viele Kopfschmerzen… Obwohl: Da habe ich noch was Gutes gelernt. Mit 38 ist es wesentlich cooler, sogar zu einer Hochzeit ohne Begleitung aufzutauchen, weil‘s zumindest von mir eigentlich niemand mehr wirklich erwartet (dafür war ich zu oft alleine bei solchen Events). Dass sie auf solche Einladungskarten trotzdem immer +1 drauf schreiben, ist lieb, aber es ist irgendwie nicht mehr dieser Druck, dass +1 deswegen dann auch mitkommen muss. Und dass mich schon lange niemand mehr gefragt hat, wie‘s so mit der Familienplanung aussieht, ist auch eine ziemliche Erleichterung. Wobei ich sicher bin, dass das weniger am Alter liegt, sondern mehr an der Tatsache, dass ich mich über diese Frage, die mich in früheren Zeiten manchmal recht getroffen hat (heute finde ich sie nur noch dumm und anmaßend), immer wieder lautstark ausgelassen habe.

Spätzünderin war mein junges Ich auch beim Reisen. Irgendwann als Studentin habe ich begonnen, immer wieder den Atlas aufzuschlagen und meine eigene kleine Weltreise zu planen. Nach Indien wollte ich unbedingt. Nach Afrika. Australien. Die ganze Welt wollte ich sehen, nur gemacht habe ich es nie. Irgendeine Ausrede hatte ich immer, meistens war es: „Will ja eh niemand mit mir machen, hab kein Geld, vielleicht nächstes Jahr…“ In Wirklichkeit war es vielleicht doch auch ein bisschen die Angst vorm Ungewissen und dass mich eben niemand an der Hand genommen und gesagt hat „Komm, wir machen das jetzt!“ Ach ja, in Indien war ich vor zweieinhalb Jahren, danach in Kambodscha und Vietnam, heuer wieder in Indien. Nach Afrika und Australien werde ich es auch noch schaffen, von Thailand träume ich inzwischen manchmal sogar, Jordanien und Marokko habe ich nie ganz aufgegeben, die Nordlichter könnten fast zum Greifen nahe sein und die Arktis scheitert im Moment wirklich am Geld, aber das wird schon noch verdient werden.

Wenn ich mir mein Leben insgesamt anschaue und ausklammere, dass sich bei mir beruflich demnächst wohl Gravierenderes verändern dürfte (ein Ja zumindest zur Teil-Selbstständigkeit und weiterhin ein überzeugtes Ja zum Schreiben, aber ein ziemliches klares Nein zum Journalismus, von dem ich einfach nicht so weitgehend sorgenfrei leben kann, wie man sich das wünscht; wobei ich gerade denke, dass das eines der wenigen Dinge in meinem Alter sind, die ich eher doof finde, weil es mir vor einigen Jahren noch nicht so wichtig war, wie gut ich von meiner Arbeit leben kann)… Jedenfalls fühle ich mich inzwischen einfach so viel mutiger und lebendiger als es die leicht unglückliche junge Frau am Foto, die mal ich war, gewesen ist. Ich möchte keinesfalls eine Zeitreise machen und nochmal sie sein. Und wenn, dann wäre sie höchstens dieser eine junge Mensch, mit dem ich meine vielzitierte Lebenserfahrung teilen wollen würde. Meine Güte, ich wäre aber vermutlich eine richtig coole Socke, so ungeniert, wie ich mit dem Wissen von heute schon damals gelebt hätte. 😉 Aber dann wäre ich heute nicht ich und irgendwie finde ich mich so echt ganz gut gelungen.

Vielleicht mag jemand diesen Blogpost für meinen 40er ausdrucken und ihn mir dann um die Ohren hauen, sollte ich die Dinge in zwei Jahren wider Erwarten krass anders sehen. 😉

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