Großer Turm, große Erwartungen

Vor ein paar Monaten haben Freunde Besuch aus New York erwartet. Was ich ihnen in Wien zeigen würde, haben sie mich gefragt. Ich bin in so etwas nicht gut. Ich liebe meine Stadt und kenne natürlich sehr viele schöne Ecken. Und die großen Sehenswürdigkeiten, klar. Aber was man in ein paar Tagen Wien unbedingt sehen muss? Spontan gefragt? Keine Ahnung. „Hm, die Aussichtsplattform am DC Tower hat gerade aufgemacht“, habe ich gesagt. „Aber meinst du, das beeindruckt Menschen, die sicher schon oft am Empire State Building gewesen sind?“ Berechtigte Gegenfrage. Vermutlich nicht.

Kommen jetzt Clowns und Tänzerinnen?

Im Sommer, kurz bevor die New Yorker zu Besuch gekommen sind, habe ich selbst die Aussichtsplattform des DC Tower erklommen. Ich wollte die Stadt aus 207 Metern Höhe sehen. Ich mag die Vogelperspektive, obwohl ich alles andere als schwindelfrei bin. Im Gepäck: große Erwartungen. Dass es mich seither nicht mehr in den 58. Stock des „Großen“ gezogen hat, liegt weniger an den relativ saftigen 9,50 Euro für die Aufzugfahrt, sondern eher daran, dass meine Erwartungen nur zum Teil erfüllt worden sind.

Da wäre einmal der Empfang: Eine halbwegs freundliche Dame hinter einem schwarzen Holztisch hat das Geld kassiert und uns den Weg erklärt. (Erklärt? Ist das so kompliziert? Ja.) Der Weg: Einmal ein paar Stockwerke mit einem Aufzug fahren. Wieder aussteigen. Auf den nächsten Aufzug warten. Hinter einer Schranke, weshalb mein Freund und ich eigentlich ein kleines Begrüßungs-Showprogramm mit Clown und Tänzerinnen erwarten hätten. Die sind nicht erschienen, dafür durften wir uns an den kunstvoll gestalteten Wänden heraushängende Kabeln erfreuen. Ich vermute, inzwischen sind auch die letzten Arbeiten abgeschlossen und es hängt tatsächlich Kunst an den Wänden. Oder es gibt wenigstens tatsächlich Clowns und Tänzerinnen. Dennoch hat sich das eingeprägt. Man sagt ja nicht umsonst, dass der erste Eindruck zählt.

–> Meinen allerersten Eindruck vom DC Tower könnt ihr übrigens hier nachlesen. Und der war wirklich spektakulär. Vielleicht ist man auch ein wenig voreingenommen, wenn man den Höhenrausch pur erleben durfte. 😉

Der Wachmann und der Snack-Automat

Ebenso unvergesslich: Der Moment, in dem mein Fuß zum ersten Mal den Boden der Terrasse in über 200 Metern Höhe berührt hat. Das Begrüßungskomitee: ein Boulevardblatt-lesender Wachmann und ein Snack-Automat. Der Ausblick: schön, aber etwas fehlt. Während der benachbarte Donauturm einen Panoramablick bietet (bei einem Preis von 7,40 Euro, allerdings kommt man dort auf „nur“ 150 Meter Höhe), können Besucher am DC Tower keine Runde drehen. Denn jener Teil, der einen Blick Richtung Innenstadt ermöglicht, gehört nicht zur Aussichtsplattform, sondern zur Bar. Die wiederum öffnet erst um 18 Uhr, während die Terrasse um 18 Uhr schließt. Direkt von der Terrasse geht es daher auch nicht in die Bar – und umgekehrt. Weshalb es nicht möglich gewesen ist, eine durchgehende Panoramaterrasse zu errichten und damit für ein echtes Highlight zu sorgen, man weiß es nicht.

Hier kommt wieder der gute, alte Donauturm ins Spiel: Dort können Besucher jederzeit einen Kaffee oder ein Essen genießen, denn von der Terrasse aus sind das Café und das Restaurant erreichbar – und das nicht erst ab 18 Uhr. In die Bar des DC Towers kommt man übrigens über einen anderen Aufzug, ohne extra bezahlen zu müssen. Inklusive ist dort der Sonnenuntergang, denn den gibt es von der Besucherterrasse aus höchstens zwischen Ende Oktober und Anfang März zu sehen.

Aquarium ohne Panorama

Wir sind also die dicken Glasscheiben entlang spaziert, die einen (leider etwas verspiegelten) Blick auf den 21. und 22. Bezirk ermöglichen, und haben uns ein wenig wie in einem Aquarium gefühlt. Nur eben ohne Panorama-Rundum-Blick. Zwischendurch haben wir Platz auf einem der Holzsesseln genommen, von denen exakt zwei nebeneinander auf jeder der drei Längen gestanden sind. Wir haben uns auf den Boden gesetzt, unser mitgebrachtes Bier getrunken (die Bar hat ja geschlossen), uns ganz knapp vor die Scheibe gestellt und so weit wie möglich auf die kleine Minimundus-Welt zu unseren Füßen geschaut. Der Fairness halber: Inzwischen gibt es an Stelle der provisorischen Sessel Lounge-Möbel. Aber auch dieser Eindruck ist hängen geblieben. Ebenso wie jener, dass die Toiletten wirklich gut versteckt sind (da haben wir den Wachmann natürlich plötzlich nicht mehr gefunden). So gut versteckt, dass ich später die halbwegs freundliche Empfangsdame nach einem WC gefragt habe. „Oben hätte es eh welche gegeben.“ – „Danke, jetzt bin ich aber nicht mehr oben.“

Mit meinem Besuch aus den Niederlanden, der sich für März angekündigt hat, werde ich mir die 9,50 Euro vielleicht ein zweites Mal gönnen. Diesmal ohne allzu große Erwartungen im Gepäck. Aber vielleicht wird es auch der Donauturm…

 

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