Der perfekte Tag

Stell dir vor, du hättest nur einen Tag Zeit. Der perfekte Tag. Der letzte Tag deines Lebens. Der letzte Tag allen Lebens? 24 Stunden ohne Kompromisse. Was würdest du tun?

Ich würde mir den Mann schnappen, den ich küssen will. Und würde ihn küssen. Es gäbe keine Konsequenzen. Keine Angst. Alles wäre gut, wie es ist. Wir würden uns nahe sein, sehr nahe. Ausgiebig brunchen. Bei mir. Er würde Kaffee kochen. Ich würde Milch kaufen gehen. (Es ist doch immer die Milch, die ausgeht.) Wir würden gemeinsam Eier mit Speck braten, Brot scheiden, Orangen auspressen. Wir würden den gesamten Kühlschrankinhalt über den Fliesenboden verteilen. Und lachen, wir würden ganz viel lachen. Über die ausgegangene Milch. Über den Kaffee, den ich mal wieder neben statt in die Tasse geschüttet habe. Über das Chaos. Über dumme Schlagzeilen in unseren Lieblingszeitungen. Wir würden uns gegenseitig mit Mehl bewerfen. Ich würde mich lachend auf die Couch fallen lassen und er würde sich zu mir legen. Mir durch die Haare fahren, mich küssen, mich berühren…

Es wäre ein schöner, sonniger Tag mit blauem Himmel. Wir würden durch den Prater spazieren, Hochschaubahn fahren, durch die Geisterbahn laufen, Zuckerwatte essen, uns gegenseitig fotografieren, andere fotografieren, uns mit anderen fotografieren. Laut singen. Durch den kurzen Platzregen laufen. Eine Runde mit dem Riesenrad drehen. Im Park picknicken.

Wir würden uns mitten am Tag irgendeinen Low-Budget-Film in einem kleinen Kino anschauen. Uns über die Handlung zerkugeln. Uns im Dunkeln aus dem Saal stehlen. Über Filme, Bücher, Musik, das Weltgeschehen reden. Nicht diskutieren, nicht streiten, reden. Und über unsere geheimsten Wünsche und Sehnsüchte. Arm in Arm durch die Stadt spazieren und Touristen zu den falschen Sehenswürdigkeiten lotsen. Die Weltordnung ein kleinwenig durcheinander bringen.

Wir würden Eis essen bis zum Erbrechen. Bier trinken, bis wir angenehm angeheitert wären. Dieses kleine, nette Pub suchen, von dem wir nie so genau wissen, wo es steht. Essigchips und noch mehr Bier bestellen. Reden. Lachen. Lieben. Wir würden uns auf das Dach eines Hochhauses schleichen. Wien von oben sehen. Wir würden unseren Freunden schreiben, was wir an ihnen mögen. Die Nachrichten würden morgen verschickt werden. Wir würden nicht wissen, ob sie jemals ankämen. Unser letzter Tag? Der letzte Tag der Erde? Einfach ein perfekter Tag?

Wir würden keinen Gedanken daran verschwenden, ob unser Bett gemacht, die Rechungen abgeheftet sind oder der Müll runtergebracht werden muss. Wir würden einfach nachhause gehen, in mein unser kleines Nest. Wir würden uns ein letztes Mal küssen, lieben, lachen. Ich würde meinen Kopf an deine Schulter schmiegen. Du würdest deine Beine um mich schlingen. Wir würden einschlafen – und das wäre es dann gewesen. Der perfekte Tag.

Warum eigentlich warten? Kann nicht jeder Tag der perfekte Tag sein? Lachen, leben, lieben, küssen, weinen, reden, schreien, singen, tanzen, springen, fühlen, sehen, hören, berühren, spüren,… Ohne Konsequenzen, ohne Scham, ohne Tabus, ohne Hirnwichserei, ohne falsche Verpflichtungen und Erwartungen?

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