Zu mir (ziehen) oder zu dir (ziehen)?

Die liebe Etosha hat mich gebeten, etwas zum Thema „Wie teilt man ein Leben miteinander?“ zu bloggen. Lustigerweise ist genau das ein Thema, über das ich mich vor Kurzem recht ausführlich unterhalten habe, also fasse ich meine Gedanken dazu sehr gerne zusammen. Zunächst einmal: Ich habe leider keine Ahnung, nur so ein paar Ideen. Fakt ist nämlich: Ich bin 37 Jahre alt und habe noch nie mit einem Menschen zusammen gelebt. Und ich habe absolut keine Ahnung, ob ich jemals bereits dafür sein werde. Beziehungsweise, ob das für mich erstrebenswert ist. Ich weiß, dass meine Freundin N. sehr lachen wird, wenn sie das hier liest: Aber tatsächlich ist sie seit sehr, sehr langer Zeit oder vielleicht sogar überhaupt, ich weiß es nicht mehr, der erste Mensch, mit dem ich überhaupt zwei Wochen am Stück quasi zusammen gelebt habe. Weil wir uns während unserer Vietnam-Reise im Herbst ein Zimmer geteilt haben. Hat übrigens super funktioniert. 😉

Was ist das ideale Modell?

Zusammenkommen, zusammenziehen, Kinder kriegen – das ist das, was immer als das ideale Lebensmodell beschrieben wird. Wenn das für andere der klassische Weg ist, sollte das doch auch für einen selbst Priorität haben. Vielleicht kann man das Kinder kriegen noch weglassen, wenn man das laut sagt, hört man allerdings in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Sätze wie „Aber solche schönen Momente werden Kinderlose nie haben.“ Stellt euch vor, dafür erlebt man andere schöne Momente. Das kommt im Nebensatz dann auch gerne: „Ach, ich würde auch gerne spontan am Abend fortgehen oder eine coole Reise machen, geht aber grad nicht.“ Hören wir doch einfach auf damit, einander vermeintliche Lebensmodelle aufzwingen zu wollen. Alles hat Vor- und Nachteile, wichtig ist nur, was man selbst will, und dass man das Positive darin sieht. Ich liebe zum Beispiel meinen kleinen Neffen über alles, aber vielleicht reicht das auch, keine Ahnung.

Dann wäre immer noch die Sache mit dem Zusammenziehen. Ich find’s einerseits schräg, dass ich diese Erfahrung eben noch nie gemacht haben, ich kann’s mir halt einfach so schwer vorstellen. Einmal war das zumindest ganz am Rande Thema, dann steckt irgendwann eine zweite Zahnbürste im Becher, das Gewand zum Wechseln liegt im Kasten, aber das war’s im Großen und Ganzen auch schon. Ehrlich gesagt ist eine Affäre auch mal mit Köfferchen angekommen, das hat mich jetzt aber weniger gestresst, weil er am nächsten Tag mitsamt seinem Köfferchen ja auch wieder gegangen ist. Und seit er allen Ernstes gefragt hat, ob er meine Zahnbürste verwenden kann (sorry, nein, geht gar nicht; knutschen ja, aber die Zahnbürste wird nicht geteilt), liegt hier halt eine Ersatzzahnbürste herum. Originalverpackt, aber sicher ist sicher. Damit kann ich gut leben.

Einen beträchtlichen Teil des letzten Jahres habe ich damit verbracht, über Beziehungen im Allgemeinen nachzudenken. Affäre beendet, weil ich eine Beziehung wollte. Diverse Dating-Apps ausprobiert. Das klassische Abchecken, sobald man jemanden kennenlernt. Ich wollte es eben um jeden Preis: Jemanden kennenlernen, mich verlieben, ein Paar werden, dann wäre ich irgendwann sicher vor der Frage gestanden: Zu mir (ziehen) oder zu dir (ziehen)? Ich denke definitiv zu viel durch, was nicht einmal ansatzweise spruchreif ist, und das hat mir ganz schöne Kopfschmerzen bereitet. Ich lebe gerne in meinem Grätzel, ich denke gerne einfach nicht darüber nach, dass ich mich eines Tages von hier verabschieden müsste, weil nicht jeder gerne „über die Donau“ zieht, oder dass ich mir im Falle einer Trennung eine neue Wohnung suchen müsste. Etwas zu wollen, heißt nicht automatisch, es auch zu können. Vielleicht klingt das egoistisch, aber ich genieße es sehr, mein Leben nicht nach jemandem ausrichten zu müssen. Ihr denkt vermutlich: Der Richtige wird schon kommen und dann wirst du das auch wollen. Natürlich, ich weiß nicht, was noch passiert, wie ich in fünf oder zehn Jahren darüber denke. Beziehungsängste? In gewisser Weise sicher. Im Moment kann ich aber ganz gut damit umgehen, man muss sich das nur mal eingestehen und dann schauen, was man daraus macht.

Vielleicht bin und denke ich nicht ganz „normal“, aber vielleicht ist genau das auch vollkommen okay.

Ich bin mir den größten Teil meines Lebens in vielerlei Hinsicht nicht normal vorgekommen, weil ich nicht unbedingt die Dinge wollte und will, die andere für normal halten oder einem als normal vorleben. Ich bin aber nun mal ein kleiner Freigeist, den man bloß niemals in eine Flasche sperren sollte, die bekommt dann nämlich ganz schnell Sprünge. Ich genieße es, gerade in diesem Moment vor meinem Rechner zu sitzen und diesen Text zu schreiben, ohne dass mich jemand anquatscht. So wie ich es genieße, Abends auf der Couch zu liegen, mir einen Film anzuschauen oder ein Buch zu lesen, oder mich mit Freunden auf ein Bier zu treffen, ohne dass mich jemand fragt, warum ich schon wieder weggehe. Ich brauche diese Zeit für mich und – ja, egoistisch, aber so what – will sie mir nicht erst freischaufeln müssen. Ich bekomme Schnappatmung, wenn mir andere erzählen, dass sie ein nettes Treffen verlassen, weil der Partner zu Hause wartet, obwohl sie noch gerne geblieben wären. Ich kann meine Sechsertragerln Mineralwasser alleine nach Hause schleppen und ich finde den Weg in meiner Wohnung auch zu später Stunde alleine, mit dem Bus, mit dem Taxi oder zu Fuß. Ich würde mich als sehr, sehr unabhängig beschreiben und das ist gut so.

Mag sein, dass mir aus der Sicht anderer Menschen etwas fehlt. Aber fehlt einem wirklich etwas, wenn man es selbst gar nicht so wahrnimmt? Möglicherweise klingt das aber auch zu abgebrüht. Natürlich finde ich es schön, mal gemeinsam auf der Couch zu knotzen, überhaupt gemeinsam etwas zu unternehmen. Aber eben nicht ständig. Und ja, wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann den Menschen, mit dem man sich mehr als „nur“ das vorstellen kann. Aber ich will nicht darauf warten und schon gar nicht danach suchen.

Auch die kleinen Dinge zählen

Uff, das wird länger, als gedacht. Viele Gedanken. Die Frage von Etosha war ja eigentlich auch: Wie bezieht man den anderen in sein Leben ein, wie hält man den anderen am Laufenden? Nicht nur, was Partnerschaften, sondern auch, was Freundschaften betrifft. Auch darin bin ich möglicherweise nicht so gut, wie ich es mir manchmal wünschen würde. Selbst mit meinen engsten Freunden telefoniere ich nicht täglich, was nicht heißt, dass ich mich nicht für ihr Leben interessiere. Im Gegenteil: Ich schätze diese kleinen Nachrichten zwischendurch, lustige Anekdoten, Dinge, die dem anderen gerade durch den Kopf gehen, auch die blöden Dinge, die einem widerfahren. Man muss sich aber keine Sorgen machen, wenn ich nicht immer sofort antworte, das erwarte ich umgekehrt auch nicht. Wobei ich mir vermutlich überdurchschnittlich Sorgen mache, aber ich arbeite daran. 😉 Ideal ist es, wenn man gar nicht darüber nachdenkt, dass man sich mal wieder melden sollte, sondern wenn man es einfach gerne macht.

Gegenseitige Wertschätzung ist wichtig, keine Frage. Aber deswegen muss man sich nicht jeden dritten Tag zum gemeinsamen Kochen treffen (kann man natürlich, aber ich bin da halt nicht so der Typ dafür) oder gleich einen wöchentlichen Stammtischtermin vereinbaren (kann man natürlich auch machen, aber mich würde es eher ein bisschen stressen). Mir ist wichtig, dass man mich auf die eine oder andere Weise an seinem Leben und an seinen Gedanken teilhaben lässt. Man muss mir nicht alles erzählen, nicht jeden einzelnen Gedanken mit mir teilen, die Frage „was denkst du gerade?“ will ich auch nicht rund um die Uhr beantworten wollen. Aber das eine oder andere bitte ja. Es ist schön, wenn sich jemand für mich und das, was ich mache, interessiert, und sich umgekehrt auch darüber freut, wenn ich etwas von mir preisgebe, ohne danach gefragt zu werden. Und vice versa, versteht sich. Für mich ist es das Schönste, wenn ich komplett offen sein darf, nicht über jedes Wort nachdenken muss, bevor ich es ausspreche, und wenn Menschen mich trotzdem beziehungsweise genau deswegen mögen. Bis ich das gecheckt habe, hat es übrigens lange gedauert.

Jemand hat mir letztens eine nette Geschichte erzählt und die möchte ich gerne mit euch teilen: Ein älteres Paar, sicher noch keine Ewigkeit zusammen, getrennte Häuser, aber in der gleichen Straße wohnend. Er meinte: „Von meinem Wohnzimmer aus sehe ich, wenn sie ihren Kamin anzündet. Und dann freue ich mich.“ Das ist doch auch eine schöne Vorstellung: Zwei Inseln, aber dazwischen gibt es eine Brücke.

Aber genug geschrieben, jetzt würden mich (und ich glaube, auch Etosha) eure Meinungen dazu interessieren. 😉

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3 Gedanken zu „Zu mir (ziehen) oder zu dir (ziehen)?“

  1. Hallo Sabine….. so langsam glaub ich das liegt in den „Karrer-Genen“ 😉
    In wenigen Tagen werde ich 60 und habs bis heute nicht „geschafft“ in einer Lebensabschnittspartnerschaft, gemeinsam mit wem in einem Haushalt zu leben!
    (0k meinen Sohn, den ich allein grossgezogen hab war 22 Jahre lang an meiner Seite) – Heute , resp. seit einer geraumen Weile schon, bin ich mir bewusst, dass ich gar nicht mehr fähig bin in einem gemeinsamen Haushalt mit jemandem zu leben!!!! Viel zu lange schon hab ich all meine Entscheidungen alleine treffen müssen, ohne mit jemanden Rücksprache zu nehmen !!! Ich seh das nicht als Egoismuns sondern als pure Gewohnheit, so wie’s einem taugt!

  2. Danke für die ausführliche Gestaltung deiner Anschauung dazu. Ich freu mich über den Input, und als Blog mit anderen Blogs aktiv zu kommunizieren, das hab ich schon seit den Nullern nicht mehr gemacht, glaub ich. 😉 Ich könnte sogar die Blogroll wieder mal überarbeiten!

    Natürlich sind die hiesigen Leser herzlich eingeladen, ihre Gedanken zum Thema Leben-Teilen auch bei mir drüben mitzuteilen! http://etosha.weblog.co.at/?p=6659

  3. Hallo Sabine,

    genau das mit Beziehung, Zusammenziehen usw. geht mir als zweites Thema zu Etoshas Frage gerade auch noch durch den Kopf. Ich stelle mir die Frage, ob ich in einer potentiellen neuen Beziehung noch bereit sein werde, wieder meine Wohnung zu teilen oder auch Teile meines Lebens einzuschränken, um (viel) Raum für die potentielle Partnerin zu schaffen und ich fürchte die Antwort wird heißen: nur äußerst eingeschränkt. Ich möchte aus meiner Wohnung nur noch ungern raus, ich habe mir ein soziales Umfeld geschaffen, in dem ich mich wohlfühle, mit Freunden und engsten Freunden, mit der Hunderunde usw. Da möchte man wen vielleicht teilhaben lassen, aber vmtl. nicht mehr so eng einbinden.

    Vielleicht ist das Teil des älter und ruhiger Werdens mit Ende 30, dass man einfach anfängt, zufrieden zu sein, mit dem, was man hat und sich nicht mehr mit den Unsicherheiten und Aufregungen herumplagen zu wollen, die man in den 20ern noch so spannend fand.

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