Triggerwarnung: Dieser Text handelt von sexueller Belästigung, übergriffigem Verhalten und einem ungefragt zugesandten Dickpic.
Während kürzlich halb Österreich aus prominentem Anlass mal wieder über sexuelle Belästigung und Dickpics diskutierte, meinte ich noch zu einer Freundin, ich hätte zum Glück noch nie ernsthaft eines bekommen.
In Betroffene hineinversetzen kann ich mich trotzdem gut. Auch ohne Dickpic habe ich in dieser Welt, in der sich viel zu viele Männer grenzenlos übergriffig verhalten, selbst schon genug erlebt. Dazu ein wenig Bewusstsein für patriarchal geprägte Gesellschaften und Empathie – und schon sind Verständnis und Wut selbstverständlich.
Eigentlich kenne ich keine Frau, die nicht bereits übergriffiges Verhalten, sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt erlebt hat. Manche von uns neigen leider immer noch dazu, die Dinge kleinzureden. Aus Gründen.
Ich selbst musste 46 Jahre alt werden und eine Reise ans Nordkap machen, um meine Dickpic-„Unschuld“ zu verlieren. Eine Reise, die – gemessen in Landschaften, Stadtbesichtigungen und Elchen – sehr schön war. Gemessen in Kilometern allerdings wahnsinnig anstrengend.
Aber auf diese letzte Etappe hätte ich gut und gerne verzichtet.
Auftritt Neuer – und dann ging’s los
Reisefieber, Urlaubsstimmung, zwischendurch auch mal gedrückte Stimmung, ein bisschen flirty, schön, witzig, ausgelassen.
Unsere Reisebegleiterin und die beiden Busfahrer haben uns gut bis ans Nordkap und wieder zurückgebracht. Mit dem kleinen Wermutstropfen, dass einer der Busfahrer knapp vor der Rückreise nach Deutschland ausgewechselt werden musste.
Auftritt: neuer zweiter Busfahrer.
Es hat keine 30 Sekunden Gespräch gedauert, bis er mit gezücktem Handy vor mir stand und meine Nummer einspeichern wollte. Er sei auch nächste Woche beruflich in Wien, dann könnten wir auf einen Kaffee gehen.
Es war weniger fragend, mehr feststellend. Aber noch immer irgendwie lustig. Vielleicht auch, weil mir solche Dinge selten passieren. Skurril.
Ich bin normalerweise nicht sehr flirty unterwegs – wobei ich das gar nicht ihm gegenüber war, sondern ganz unabhängig von ihm.
Natürlich habe ich ihm meine Nummer nicht gegeben, sondern gekontert, er solle mir halt seine geben. Immerhin hatte ich ihn vor einer Stunde überhaupt zum ersten Mal gesehen, als er am Beifahrersitz des Reisebusses Platz genommen hatte.
An Tag zwei habe ich ihm dann Infos zu Wien geschickt. Ich hatte ja seine Nummer. Anfängerinnenfehler.
Später, im Elchpark, auch noch Fotos von ihm mit den Elchen. Da „kannten“ wir uns ja wenigstens schon länger als eine Stunde – und er war ja aus beruflichen Gründen da. Professionell kann ja auch freundschaftlich sein.
Und bis dahin wäre alles immer noch gut gewesen.
Freundlichkeit ist keine Einladung
Abends im Hotel dann die Frage, ob ich nicht noch zu ihm kommen wolle.
Erst persönlich, später per WhatsApp. Immer nachdrücklicher. Inklusive Massageangebot, auch das mit Nachdruck.
Ich habe alles Eindeutige ignoriert oder mit „Ich geh jetzt schlafen“ kommentiert. Dazwischen versucht, es wieder auf eine freundschaftliche Ebene zu heben.
Ehrlich gesagt: So, wie es vermutlich die meisten gemacht hätten.
Wie man es halt so gelernt hat als Frau in dieser Welt. Immer schön freundlich bleiben. Weglächeln. Aushalten. Ignorieren. Nicht zu deutlich werden.
Und skurril-lustig fand ich es da ja immer noch. Kommt mir im Nachhinein bescheuert vor, aber so war es.
Aus all diesen Gründen habe ich nicht früher klarer geschrieben, dass ich keinen weiteren Kontakt will. Dass ich es nicht akzeptiere, wenn jemand dermaßen meine persönlichen Grenzen überschreitet.
Und: Obwohl ich das heute viel deutlicher kommuniziere als früher, kann ich ein gewisses vermeidendes Verhalten leider immer noch nicht abstreiten.
Für mich war klar: Wenn ich auf diverse Überredungsversuche nicht reagiere, merkt er das schon.
Und dann war es nicht mehr lustig
Die letzten Kilometer bis zu meiner Ausstiegsstelle bei Lübeck waren okay. Natürlich ist mir da schon aufgefallen, dass er mehrere der eindeutigeren Nachrichten inzwischen gelöscht hatte.
Profi-Baggerer halt, dachte ich mir.
Verabschiedet habe ich mich dann, ohne noch einmal den Kaffee in Wien zu erwähnen. Mit freundlichem Händedruck. Der andere Busfahrer, der von Anfang bis Ende dabei gewesen war, hat eine Umarmung bekommen.
Intuitiv völlig deutlich.
Sonntagnacht schon die nächste WhatsApp-Nachricht: Ob ich gut nach Hause gekommen sei.
Sonntagmittag wieder: Ob er etwas Falsches gesagt hätte, weil ich nicht geantwortet hätte.
Ich wieder freundschaftlich: Hab nur ausgeschlafen, lange Reise nach Hause gestern, jetzt Kaffee, schwimmen gehen, Wäsche waschen.
Übersetzt: Wir können uns gerne weiterhin normal nett unterhalten. Ich erzähle dir oberflächlich etwas von mir. Aber stress mich nicht mit ständigem Melden und so.
Nächste WhatsApp: Er schulde mir noch eine Massage. Irgendwas mit Massageöl mitbringen, genießen, blabla.
Keine Reaktion meinerseits.
Als ich vom Schwimmen zurück in die Wohnung komme, wartet schon das Dickpic auf mich.
Einmalig versendet natürlich. Screenshot unmöglich.
Er wusste ziemlich genau, was er tat
Alle anderen Nachrichten habe ich zu diesem Zeitpunkt längst gesichert. Teilweise auch die, die er später wieder gelöscht hat.
Der Typ weiß zumindest ziemlich genau, was er tut.
Ich dagegen weiß noch nicht so ganz genau, was ich mit all dem tue.
Blockiert habe ich ihn, logisch. Melden wäre sicher gut. Aber wem genau? Und immer mit den in solchen Fällen wohl üblichen Bedenken im Hinterkopf:
Was dann?
Gibt es überhaupt Konsequenzen oder doch nur Ärger für mich?
Werden andere Menschen nicht sagen, ich hätte es doch provoziert?
Hätte ich doch mal deutlicher Nein gesagt?
Man kennt das doch.
Dabei war mein Nein die ganze Zeit da. In meiner zunächst nicht gegebenen Telefonnummer. In meinem Ausweichen. In meinem „Ich geh jetzt schlafen“. In meinem Schweigen auf seine Massagefantasien. In meinem freundlichen Händedruck statt einer Umarmung.
Und vor allem: Es hätte nie irgendein Nein gebraucht, damit er mir kein Pimmelfoto schickt.
Fehlende Gegenwehr ist kein Einverständnis.
Freundlichkeit ist keine Einladung.
Und ein Kompliment ist niemals eine Rechtfertigung für Grenzüberschreitungen.
Aber du bist so wunderschön, blabla
Gleichzeitig will ich nicht, dass der das mit anderen Frauen auch macht.
Ja, es war „nur“ ein Dickpic. Aber ungefragt ein Dickpic zu versenden steht nicht umsonst unter Strafe. Den einen ist das so bewusst, dass sie quasi mit Ankündigung keine mehr verschicken, seit das so ist. Die anderen machen einfach weiter – geschützt durch Funktionen wie jene bei WhatsApp, die mir die Sicherung eines Beweises unmöglich machen sollen.
Andererseits, wie eine Freundin richtigerweise festgestellt hat: Die letzten Nachrichten lassen ohnehin erahnen, was auf dem nicht mehr angezeigten Foto zu sehen war. Und die habe ich auch gesichert, bevor er sie wieder gelöscht hat.
Es waren keine ehrlichen Entschuldigungen. Mehr Rechtfertigung als Reue. Und definitiv weiterhin übergriffig.
„Du bist halt eine wunderschöne Frau und hast es verdient, geliebt zu werden, daher dachte ich, blabla …“
Druck wird nicht weniger übergriffig, nur weil er sich als Kompliment verkleidet.
Verantwortung endet nicht bei den Betroffenen
Wäre es noch auf der Reise so eskaliert, wäre ich für jedes offene Ohr und jede Solidarität dankbar gewesen.
Jetzt, nach der Reise, finde ich beides bei meinen Freund:innen. Und das ist viel wert.
Ich wünsche mir trotzdem, dass Reiseveranstalter und Busunternehmen künftig verstärkt darauf achten, dass so etwas nicht passiert. Dass es klare Ansprechpersonen und Wege gibt, wenn sich jemand auf einer Reise bedrängt oder unsicher fühlt. Dass Verantwortung nicht erst dann beginnt, wenn schon etwas passiert ist.
Man sieht ja: Es ist weiterhin viel zu tun. Dickpics grundsätzlich strafbar zu machen, reicht nicht.
Ob und wie ich das Ganze melde, damit werde ich mich noch beschäftigen müssen. Denn auch das gehört zur Realität solcher Situationen: Selbst dann, wenn man etwas ansprechen oder anzeigen möchte, steht sofort die Frage im Raum, wie man sich schützen kann, ohne sich selbst noch mehr auszusetzen.
Und vielleicht noch etwas, das ich Männern nachdrücklich mitgeben möchte: Es reicht nicht, selbst keine Grenzen zu überschreiten.
Wenn Kollegen oder Freunde so etwas mitbekommen, dann ist Wegschauen keine Option. Dann wäre es gut und wichtig, Klartext zu reden. Denjenigen zu stoppen. Ihm zu sagen, dass das nicht in Ordnung ist. Es gegebenenfalls selbst zu melden.
Nicht Betroffene sollten die ganze Last tragen müssen, etwas sichtbar zu machen.
Das Recht, nicht damit umgehen zu müssen
Den Kommentar einer anderen Freundin zu Druck aufbauen, mit Komplimenten rechtfertigen und so weiter möchte ich euch nicht vorenthalten:
„OIDA ABER DAS GIBT DIR NICHT DAS RECHT und auch wenn ich freundlich zu dir bin heißt das nicht, dass ich deinen Penis sehen möchte.“
Genau das.
Der Spruch kommt vielleicht auf ein T-Shirt.
Nicht nur für die nächste Reise.
Weil es immer nur so lange lustig ist, bis es genau das eben nicht mehr ist.