Nur ein paar Gedanken zu einem jüngst bekannt gewordenen Missbrauchsfall, zu dem gerade viele etwas zu sagen haben. Und zu der Frage, warum schon wieder so viel über den Täter gesprochen wird und so wenig darüber, was Kinder tatsächlich schützt.
Kennt ihr diesen „Witz“? Gehen ein Vater und sein Kind über den Friedhof, fragt das Kind: „Du Papa, wo liegen eigentlich all die bösen Menschen?“
Ich gehe davon aus, dass selbst der schlimmste Serienmörder irgendjemanden auf dieser Welt hat, der ihn auf irgendeine Weise liebt oder wenigstens einmal geliebt hat. Aber lassen wir die schlimmsten Serienmörder. Mit Sicherheit findet sich fast immer jemand, der etwas Nettes über einen Menschen zu sagen hat, über den andere längst keine schönen Worte mehr finden können.
Und genau das ist der Punkt.
Es interessiert niemanden, ob jemand, dem ein Verbrechen zur Last gelegt wird – und der das ihm Vorgeworfene vielleicht, um halbwegs fiktiv zu bleiben, sogar selbst zugegeben hat –, eigentlich immer total nett war.
Eine Kabarettistin hat das dieser Tage sinngemäß sehr gut auf den Punkt gebracht: Ja, er war zu mir immer nett und freundlich. Aber was heißt das schon? Ein Mensch kann nett zu mir sein und anderen trotzdem schlimme Dinge antun.
Natürlich ist uns allen bewusst, dass aktuell noch kein Urteil eines Gerichts gesprochen wurde, aber ihr wisst sicher, was ich meine.
Dieses „Er war immer so nett“ höre und lese ich dieser Tage trotzdem immer wieder. Auffällig oft von Dudes. Und ich frage mich: Warum muss man das eigentlich betonen?
Er war auch zu mir nett
Ein Mann, den ich als Kind kannte und zu dem ich aufgeschaut hatte, war auch wahnsinnig nett zu mir und den anderen Kindern. Als Jugendliche musste ich dann wie viele aus der Zeitung erfahren, dass er wegen eines sogenannten „Hands-off“-Delikts verurteilt worden war. Dass ich zunächst nicht glauben wollte, was ich da las, weiß ich noch gut. Vielleicht konnte ich es auch einfach nicht.
Ich war ein Teenager. Dieser Mensch hatte mir lange Zeit nahegestanden. Wahrscheinlich habe auch ich damals gesagt: Zu mir war er immer nett. Aber nicht in ein Mikrofon.
Danach habe ich mit vielen Menschen über „die Sache“ gesprochen. Sie betraf mich körperlich nicht – und ich hoffe bis heute, dass sie körperlich niemanden betraf. Wobei das höchstens juristisch so stimmen kann in Abgrenzung zu anderen Missbrauchstaten. Denn auch für sogenannte „Hands-off“-Delikte leiden Kinder und Jugendliche irgendwo auf der Welt. Ihnen wird ganz real Gewalt angetan, damit der „Konsument“ „konsumieren“ kann. Das darf man nie aus den Augen verlieren.
Ich habe mit Menschen aus dem gemeinsamen Umfeld gesprochen, auch mit Ärztinnen und Ärzten. Ich wollte verstehen, warum jemand so etwas tut, was daraus vielleicht noch entstehen kann und wie ich selbst damit umgehen soll.
Gedanklich und emotional ist in den Jahren danach viel passiert. Nicht nur ich habe mich gefragt, ob mir etwas „getan“ wurde und bin alle möglichen Situationen nochmal durchgegangen. Auch meine Mama hat mich das unmittelbar danach gefragt.
Zumindest bei mir war nichts.
Ob ich diese Worte sonst selbst 30 Jahre später überhaupt schreiben könnte, weiß ich nicht nach allem, was ich über Missbrauch von Expert:innen und Betroffenen weiß.
Aber in meinem Kopf war „es“ und ist es bis heute ein Stück weit geblieben. Was ihn angeht, kann ich eh nichts tun. Die „Sache“ von damals ist verjährt. Anonym darüber reden geht. Namentlich geht es nicht. Aber alle paar Jahre google ich ihn noch immer. Vielleicht in der Hoffnung, irgendwann gar nichts mehr zu seiner Person zu finden.
Nett ist keine Entlastung
Ja, er war nett und freundlich zu mir. Na eh.
Es interessiert nur niemanden. Denn ein Mensch besteht nicht nur aus seinen schlimmsten Taten. Auch Täter haben Familien, Freund:innen, Kolleg:innen, Menschen, die sie mögen oder lieben. Natürlich gibt es schöne Erinnerungen an sie. Natürlich können Menschen fassungslos sein, weil das, was sie erfahren, nicht zu dem Menschen passt, den sie zu kennen glaubten.
Darüber zu reden ist gut und wichtig. Meiner Erfahrung nach braucht es das auch für die eigene Aufarbeitung, man will ja begreifen, damit umgehen können. Aber es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, das öffentlich zu tun. Aufarbeiten ja, aber bitte ohne uns anderen.
Wenn jemand sogar selbst zugibt, was er einem Kleinkind angetan hat – einem Kleinkind(!), das dürfen wir bei all den Debatten nie vergessen –, dann sollte jetzt dieses Kind im Mittelpunkt stehen. Mit allem Persönlichkeitsschutz, der ihm zusteht.
Nicht der Täter. Nicht die Frage, wie nett er zu anderen war. Nicht sein Video, das ich am liebsten ungesehen machen würde. Unterstützung kann und soll auch er sich holen – privat, professionell, therapeutisch. Prävention ist das Wichtigste, weil es hoffentlich verhindert, dass jemand überhaupt Täter wird. Wie es ist, wenn jemand gewisse Grenzen ja bereits überschritten hat, keine Ahnung.
Aber die öffentliche Aufmerksamkeit jedenfalls, die soll nicht ihm gehören.
Ich hatte in den letzten Jahrzehnten selbst die eine oder andere Therapiestunde wegen des Mannes von damals. Obwohl ich nicht unmittelbar betroffen war. Obwohl sich manches, was damals über Bildmaterial berichtet wurde, aufgrund seiner Tätigkeit vielleicht sogar harmlos erklären ließ. Er hat eben bei Freizeitaktivitäten mit uns Kindern fotografiert, auch im Schwimmbad. Natürlich hatte er Abzüge davon zu Hause. Um diese Bilder ging es aber im Urteil gar nicht, auch wenn sie in dem Zeitungsbericht extra erwähnt wurden, so weit ich mich erinnere. Die kamen nur dazu und waren es wohl wert, darüber zu schreiben. Alleine das Wissen aber, dass auf diesen eh harmlosen (aber in solchen Händen vielleicht dann doch nicht mehr ganz so harmlosen?) Kinderfotos auch ich sein könnte, hat sich immer irgendwie übel angefühlt – und ein bisschen tut es das bis heute. Trotzdem kann ich natürlich nicht mal ansatzweise erahnen, wie es Überlebenden von Missbrauch geht.
Dazu wichtig finde ich, was eine Freundin gerade erst zu mir gesagt hat: Jede Art von Missbrauch, die dir als Kind angetan wird, verfolgt dich auf die eine oder andere Weise dein Leben lang. Du kannst im besten Fall lernen, damit umzugehen, aber es wird immer irgendwie da sein.
Redet darüber. Bitte sogar. Aber…
Deswegen: Redet über sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Redet darüber, wie schwer es für Betroffene ist, gehört und ernst genommen zu werden. Hört ihnen zu. Redet über Täterstrategien. Darüber, warum das Umfeld oft nichts bemerkt oder oft auch nichts bemerken will. Darüber, warum das Bild vom „bösen Menschen“ so gefährlich ist, weil Täter eben nicht rund um die Uhr böse aussehen, reden und handeln. Manchmal sogar ganz im Gegenteil.
Aber wenn gerade ein Mikrofon vor euch steht und sehr viele Menschen zuhören, dann fragt euch vielleicht auch: Wofür nutze ich diesen Raum? Muss die Öffentlichkeit wirklich wissen, dass der Täter zu mir immer nett war? Oder könnten wir diese Aufmerksamkeit nicht endlich dafür nutzen, darüber zu reden, was Kinder und Frauen tatsächlich schützt? Über Prävention. Über Gewaltschutz. Über ausreichend finanzierte Beratungsstellen. Über wirksame Kinderschutzkonzepte, die auch umgesetzt werden. Über all jene, die beruflich hinschauen, zuhören, eingreifen und Betroffene begleiten – und dafür die entsprechenden Mittel dringend brauchen.
Solange wir nach solchen öffentlich gewordenen Taten oder Tatvorwürfen vor allem darüber reden, wie nett jemand doch war, wie wenig wir verstehen können, wie das „passieren“ konnte, wie unfassbar das alles ist, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, bleibt der Blick beim Täter.
Die entscheidende Frage ist aber nicht, wie ein sonst so netter Mensch so etwas tun konnte. Die entscheidende Frage ist, was wir tun, damit Kinder geschützt werden.