Zum Weltfrauentag: Meine Oma

Meine Oma war in gewisser Hinsicht ein Freak. Klingt nicht nett, ist aber Tatsache. Und vermutlich hat sie ihr nicht sehr einfaches Leben zu dem gemacht, wie ich und andere sie eben auch kannten: eigensinnig, starrköpfig, schwierig, in gewisser Weise sogar ein wenig manipulativ. Trotzdem: Immer wieder kommt mir der Gedanke, dass ich ihr, als sie noch lebte, eigentlich viel zu selten gesagt habe, dass ich sie mag. Dass ich bewundere, wie sie ihr Leben gemeistert hat. Unsere vor allem in ihren letzten Lebensjahren viel zu selten gewordene Begegnungen (ich in Wien, sie in Innsbruck) waren viel zu oft überschattet von Streitereien, Beschwichtigungs- und Fluchtversuchen.

Ich erinnere mich noch gut an meinen letzten Besuch bei ihr: Sie bekam neue Fenster und ich sollte sie ein wenig unterstützen, während die Arbeiter in ihrer Wohnung ein- und ausgingen. Letztlich trieb sie den Meister dermaßen auf die Palme, dass sich meine Unterstützung fast ausschließlich darauf beschränkte, den bereits nach wenigen Stunden völlig entnervten Mann dazu zu bewegen, seine Arbeit vernünftig zu Ende zu bringen und für die Nacht (nicht alle Fenster waren fertig eingebaut, es war kalt) wenigstens die Löcher notdürftig zu stopfen, damit vor allem meine damals schon über 80-jährige Oma nicht frieren musste. Am nächsten Tag versuchte ich sie davon abzuhalten, auf einen wackligen Tisch zu kraxeln. Was sie freilich dennoch tat (die Frau war trotz ihres Alters ziemlich kräftig und ich bin nicht gewalttätig ;)), nachdem ich mich zuvor geweigert hatte, mir selbst Knochenbrüche zuzuziehen. Schließlich ließ sie sich von mir wenigstens wieder vom Tisch herunter helfen, nachdem ihr selbst klar geworden war, dass sie in einer blöden Situation feststeckte, in der es kein Vor und Zurück für sie gab.

Nach zwei oder drei Tagen verließ ich nach unzähligen weiteren solcher Situationen und Streitereien fluchtartig die Innsbrucker Wohnung – und lief im Hauseingang vollkommen aufgelöst geradewegs meiner Mama in die Arme, die gekommen war, um mich abzulösen. Meiner Oma erzählte ich später an diesem Tag, dass ich direkt nach Wien zurück fahren würde, nur um mich dann vorher noch heimlich mit meinem Cousin zu treffen. Auch das hätte nur wieder unnötige Diskussionen gegeben. Schwierige Familiengeschichte halt.

Ein Jahr später war meine Oma tot. Wir hatten es leider nicht mehr geschafft, pünktlich in der Uniklinik Innsbruck anzukommen, um uns zu verabschieden. Die Bahnfahrt dauerte einfach zu lang. Wer weiß, vielleicht hätte sie es noch mitbekommen, auch wenn sie nicht mehr ansprechbar war. Doch trotz aller Differenzen: Ich denke, sie wusste, dass ich sie lieb hatte.

Eine echte „Weltfrau“

Als meine Familie und ich in den darauffolgenden Wochen jede freie Minute in Innsbruck verbrachten, um die Wohnung aufzulösen, hatte ich dann zum ersten Mal das Gefühl, diese Frau wirklich so kennenzulernen dürfen, wie sie war. Über 100 Quadratmeter voll mit Andenken an eine Zeit, in der teilweise noch nicht einmal meine Mama – geschweige denn ich – als neue Erdenbürger eingeplant waren. Und an uns. Es war wie ein Ausflug in die Vergangenheit: Eine, die ich miterlebt hatte, und eine, die neu für mich war.

Und das macht meine Oma letztlich zu einem Menschen, der sich – wie so viele Frauen – eine Anerkennung am 101. Weltfrauentag verdient hat. Weil sie das Beste aus ihrem Leben gemacht hat. Und meine Mama in die Welt gesetzt hat. 😉 Omas Leben, das waren eine schwierige Kindheit als jüngere von zwei Schwestern unter mehreren älteren Brüdern, ärmliche Verhältnisse, die Heirat eines Mannes letztlich auch oder vor allem, um dem elterlichen Zuhause zu entfliehen (in einem der wenigen Momente, in denen sie einmal mit mir über diese Zeit sprach, sagte sie das zumindest), der für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Austritt aus der katholischen Kirche, eine nicht ganz einfache Ehe… Sie war jahrelang alleinerziehend, während er im Krieg war, später folgte die Schuldenanhäufung meines Opas mit seiner Firma, die auch die sie noch viele Jahre lang abbezahlen musste, schließlich die durch sie eingereichte Scheidung, als meine Mama noch ein Kind war – und wieder stand sie als Alleinerzieherin da. Dennoch hat sie ihr Leben lang hart gearbeitet und vieles auf die Beine gestellt.

Trotz all ihrem Mut: Unter dem Status der „geschiedenen Frau“ litt meine Oma ihr Leben lang. Als wir im Krankenhaus gefragt wurden, ob es denn in Ordnung sei, wenn sie mit ihrem Ehering bestattet würde, antworteten wir nur: „Naja, sie war zwar seit Jahrzehnten geschieden, aber eigentlich hat sie den Ring auch danach nie abgelegt. Warum also sollte das jetzt passieren?“ Dass das Beerdigungsinstitut mir später den Ring dennoch ungefragt aushändigte, finde ich manchmal sogar ein wenig schade, auch wenn das sehr für deren Ehrlichkeit spricht.

Meine Oma hasste Muttertage, Valentinstage, Sonntage… „Da sind doch die ganzen Paare, die Familien unterwegs, da will ich gar nicht raus gehen“, erklärte sie manchmal. Mit ihrem Biss (Starrsinn, Eigensinn,…) hätte sie vermutlich ganz Großes schaffen können. Vielleicht hätte sie besser in „meine“ Zeit gepasst als in „ihre“. Einmal sagte sie zu mir: „Weißt du, ihr habt es heute schon viel besser. Ihr habt so viele Möglichkeiten, ihr müsst nicht heiraten, um nicht mehr abhängig von euren Eltern zu sein, du hast deine eigene Wohnung, kannst dir deinen Mann wirklich selbst aussuchen. Ich finde das toll!“ Sie hat recht.

Schade nur, dass selbst in „meiner“ Zeit Frauen im Durchschnitt noch immer weniger verdienen als Männer, wesentlich seltener in Cheftetagen zu finden sind, nicht die gleichen Rechte haben und auch heute noch Frauen bei ihren zum Beispiel gewalttätigen Männern bleiben weil es eben so ist oder weil sie sich vor einem Leben alleine fürchten. Der Weltfrauentag – der mit 101 Jahren älter ist als meine Oma heute wäre – war nie Thema zwischen ihr und mir. Aber ich glaube, ihr hätte das gefallen. Und sie würde dieses Blogpost hier mögen. Vielleicht drucke ich es aus und lege es an ihr Grab, wenn ich wieder einmal in Innsbruck bin…

Die fesche Dame in der Mitte war meine Oma 😉

 

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3 Gedanken zu „Zum Weltfrauentag: Meine Oma“

  1. Das Problem ist, dass Frauen sich oft selbstgefällig als „angekommen“ wahrnehmen und die Realität wie sie ist verkennen. Ähnlich wie sich jeder in der Mittelschicht glaubt auch wenn er am Hungertuch nagt. Falscher Stolz verhinter manchen Fortschritt.

    1. Das kann ich unterschreiben. Angekommen sind wir noch lange nicht. Und ein Grund dafür ist m.M.n. – wie eine Freundin als Kommentar auf diesen Artikel meinte -, dass Frauen sich untereinander leider immer noch viel zu wenig gegenseitig unterstützen. Männer haben häufig ihre Netzwerke, Frauen seltener. Männer empfehlen sich untereinander weiter – tun Frauen das im gleichen Ausmaß? Weniger, oder? Finden die, die den Weltfrauentag als unnötig abtun, es auch korrekt, dass die Einkommensschere zwischen Frauen und Männern nach wie vor weit auseinander klafft? Ist das bisschen Mehr an Testosteron wirklich so viel wert? Tja, es gibt noch viel zu tun!!

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