Wien braucht mehr Zivilcourage

Lieber Fahrgast, der kürzlich (zumindest ist es so dem Datum des Youtube-Videos zu entnehmen) in einer Wiener Straßenbahn schlimmen, rassistischen Anfeindungen ausgesetzt war!

Ich habe das dringende Bedürfnis, mich für manche meiner Mitmenschen zu entschuldigen. Es sind dabei nicht einmal nur die Hasstiraden dieses älteren Mannes, die mich zutiefst schockiert haben. Fast noch mehr schäme ich mich für die anderen Fahrgäste, die tatenlos zugesehen haben, wie Sie beschimpft wurden.

Naja, tatenlos. Einer hat mitgefilmt und das Video ins Internet gestellt. Wo es sich rasant verbreitet hat und auch von den Medien aufgegriffen worden ist. Das ist schon gut und richtig so. Aber trotzdem auch an den Hobbyfilmer: Warum haben Sie nichts getan? Und warum haben Sie nicht eingriffen, Frau, die nur ein paar Reihen vor dem Rassisten entfernt saß? Warum nicht Sie, Herr mit der Brille und den dunklen Haaren? Und warum nicht Sie, Mann mit der schwarzen Jacke, der Sie offenbar extra aufgestanden und weiter nach vorne gegangen sind, vermutlich, um ihre Ruhe zu haben? Warum hat keiner der Fahrgäste irgendetwas unternommen? Und warum nicht der Straßenbahnfahrer?

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=2MhpyCWL6B8

Zivilcourage setzt Empathie voraus

Wie würden sich all diese Menschen wohl fühlen, befänden sie sich selbst in einer ähnlichen Situation? Verbalen Angriffen ausgesetzt, und alle schauen zu. Stünden sie gerne alleine da, während sie sich beschimpfen lassen müssten? Wie würde es in ihrem Inneren aussehen? Ich denke, wer auch nur ein wenig Empathie besitzt und/oder sich vielleicht nur an eine Situation erinnert, in der es ihm ähnlich ergangen ist, müsste umgehend eingreifen, ohne groß nachzudenken. Es braucht nicht einmal viel, es braucht lediglich eine Person, die sich an die Seite des verbal Angegriffenen stellt und Partei für ihn ergreift. Aber klar, ich verstehe, sollen das eben andere machen. Gibt doch nur Probleme. Man müsste extra aufstehen, vielleicht würde man sogar ein paar Minuten länger nach Hause brauchen. Soll der Mann, der offenbar aus Somalia stammt, doch selbst damit fertig werden. Ist doch nicht schlimm, das bisschen Beschimpftwerden. Ich fürchte fast, dass es sich bei solchen Leuten um die gleiche Gruppe handelt, die in einem Aufzug über einen sterbenden Obdachlosen steigen würde, ohne wenigstens Hilfe zu holen. Hoppla, da war ja was… Ich hoffe aufrichtig, dass es so etwas wie Karma tatsächlich gibt.

Nicht mein Wien

Lieber Mann aus Somalia, das ist nicht mein Wien. Das ist glücklicherweise nichts, was jeden Tag passiert. Aber es passiert viel zu oft. Willkommen im 21. Jahrhundert. Ganz bestimmt geschieht es auch deswegen, weil wir nicht genug unternehmen, um Rassisten entschieden entgegenzutreten. Weil wir nicht aufstehen und unsere Stimme erheben, wenn es angebracht ist. Weil wir Rassisten und Antisemiten Tür und Tor öffnen, wenn wir uns nicht ganz klar auf die Seite jener stellen, die es vor Angriffen von dieser Seite zu schützen gilt.

Jeder muss entscheiden, in welche Kategorie er fällt

Wieder einmal darf ich zitieren, was mir ein lieber Freund jahrelang vorgekaut hat: Es gibt Menschen, es gibt Leit‘ und es gibt… naja ….löcher. Jeder von uns muss selbst entscheiden, in welche der drei Kategorien er fallen möchte.

„Der den Erniedrigungen ausgesetzte Somalier versucht sich zu verteidigen und man kann sich nur annähernd vorstellen, wie er sich nach dem Aussteigen aus der Straßenbahn gefühlt haben muss“, beendet Eva Zelechowski, die das Thema umgehend in der Wiener Zeitung aufgenommen hat, ihren Artikel. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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