Was ist Liebe?

Kürzlich habe ich einen älteren Mann gefragt, was für ihn Liebe ist. Die Antwort hat mich relativ überrascht: „Hm… Schwer zu sagen, so genau weiß ich das auch nicht… Vielleicht einfach, dass man nicht alleine ist?“ Eine zufällig daneben stehende Pensionistin hat ebenfalls kurz überlegt und gemeint: „Ich glaube, man weiß das oft erst, wenn man es nicht mehr hat.“ Beide haben ihre langjährigen Partner vor einiger Zeit verloren, er ist inzwischen wieder in einer Beziehung.

Ich habe danach noch lange über die Aussagen der beiden nachgedacht. Obwohl ich nach wie vor an die romantische Liebe glaube und daran, dass wir gleichzeitig immer alleine glücklich sein sollten: Gemeinsam durchs Leben zu gehen hat schon Qualität. Sofern beide Partner in der Lage sind, offen und ehrlich miteinander zu reden (darüber habe ich gerade heute erst ein spannendes Gespräch geführt, wenigstens das ist meiner Vorstellung von romantischer Liebe recht nahe gekommen). Oder eben auch nicht zu reden, weil sie einander ohnehin blind verstehen. Nur allzu blind sollten wir dabei niemals werden. Wenn es Betriebsblindheit gibt, existiert dann nicht gleichzeitig sowas wie Partnerschaftsblindheit? Liebe wächst bekanntlich langsam, aber sie stirbt relativ schnell.


Gäbe es ein Heilmittel dagegen, den anderen als gar zu selbstverständlich hinzunehmen, würde ich es in hübsche kleine Döschen abfüllen und in der ganzen Stadt auf der ganzen Welt verteilen. Lieben und nicht wissen, wie sehr man liebt? Und umgekehrt: Nicht lieben, aber denken, dass man liebt? Möglicherweise zeigt sich beides tatsächlich erst, wenn es vorbei ist. Eigentlich traurig.

Zu den beiden sehr lebenserfahrenen Bekannten habe ich gesagt: „Ich weiß zwar nicht genau, was Liebe wirklich ist, aber als vor ein paar Monaten mein Freund E. verstorben ist, ist mir erst klar geworden, wie sehr man einen Menschen vermissen kann. Dieses Ichhabdichlieb hat seither eine noch viel höhere Bedeutung für mich bekommen. Ich hab’s ihm nie sagen können, aber ich habe es auf einen Zettel geschrieben und den neben seinen Sarg gelegt.“ Nicken auf beiden Seiten.

Einer meiner bis heute unangefochtenen Lieblingsromane, Die Liebe in den Zeiten der Cholera, handelt von einem Mann, der jahrzehntelang auf seine große Liebe wartet. Nicht auf irgendeine, sondern auf die Eine, die er fast sein ganzes Leben lange kennt. Diese Liebe endet nie und eines Tages, als alter Mann, darf er sie endlich gemeinsam mit ihr leben. Jahrzehnte will ich nicht (mehr) warten. Aber ich habe Florentino Ariza, den traurigen Helden, immer ein wenig darum beneidet, dass er es so früh gewusst hat. „Vielleicht lerne ich ja aus der Geschichte mit E. und kann dieses HabdichvonganzemHerzenlieb ab jetzt noch besser fühlen und auch öfter sagen. Und wer weiß, vielleicht wird es ja eines Tages sogar noch was mit der Liebe“, habe ich schließlich gemeint. Beide haben gelächelt.

Ich werde trotzdem weiter fragen, was Liebe ist. Vielmehr: Welche Fragmente von Liebe existieren. Es müssen unendlich viele sein.

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