Vom Suchen, vom Finden und vom Zufall

Wenn du an einem Abend einem großen Teil deiner Beziehungs-Vergangenheit gegenüber sitzt und es sich einfach gut anfühlt… dass es vergangen ist. Wenn du gleichzeitig mit einer Bekannten darüber redest, warum Parship nicht die Lösung ist. Dann liefert das Stoff für einen Blogbeitrag.

Menschen, die in langjährigen Beziehungen leben, erklären mir nämlich unglaublich gerne, sie würden sich nach deren Ende sofort bei einer Dating-Plattform anmelden. Also nach einer gewissen Trauerzeit von – sagen wir – vielleicht zwei Wochen. Ich antworte dann immer gerne: „Nein, würdet ihr nicht.“

Alles vergeben, nichts vergessen

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes sind ungefähr vier Stunden vergangen, seitdem ich das zum letzten Mal gehört habe. Gleichzeitig am Tisch: der Ex-Lebensabschnittspartner. Lange her, kein Grund zum Grollen, alles vergeben, nichts vergessen. Damals, in diesem anderen Leben, habe ich zwei Wochen nach dem Crash wahrlich anderes im Kopf gehabt, als mir im Internet einen neuen Partner zu suchen. Sofern es in den Untiefen der angeblich wohlmeinenden Singlebörsen überhaupt möglich ist, jemanden zu finden, der passt. Aber das steht auf einem anderen Blatt geschrieben…

Ich habe nicht zwei Wochen lang geweint und auch nicht zwei Wochen lang nicht geweint. Es ist ein ständiges Auf und Ab gewesen. Man kann ja nach so vielen Jahren nicht einfach den Schalter umlegen.

Von Marotten und vom Scheitern

c Sabine KarrerSetzen wir voraus, die Trennung verläuft einvernehmlich. Quasi die Light-Variante. Sofern es jemals für beide Seiten gleichermaßen einvernehmlich sein kann. Selbst dann geht es bis heute nicht in meinen Kopf hinein, wie jemand direkt im Anschluss wieder eine neue Beziehung eingehen kann. Ehrlich gesagt: Die meisten solcher Beziehungen habe ich scheitern gesehen. Dass es schwer ist, nach dem Ende einer Partnerschaft erst einmal alleine zu sein, kann ich nachvollziehen. Aber ich hätte mir nach keiner Trennung, selbst nach einer, die im Nachhinein eher an ein G’schichtl erinnert, vorstellen können, sofort wieder jemanden in mein Leben zu lassen. Abgesehen davon, dass es sowieso schwierig ist, „jemanden in sein Leben zu lassen“. Weil das impliziert, dass man sich möglicherweise wieder verletzen lässt. Weil man gewisse Marotten entwickelt hat. Die kein anderer jemals verstehen wird. Die niemals wieder jemand auch nur irgendwie liebenswert oder gar süß finden wird. Vielleicht ist man so dermaßen geschädigt, dass man nicht vermuten würde, es könnte jemals anders sein.

„Eigentlich waren das ein paar verschenkte Jahre. Wobei, eigentlich bin ich daran ja auch ganz schön gewachsen“, sage ich zu meinen Gegenüber. Aber um daran wachsen zu können, brauchst du Zeit. Viel Zeit. Und alles, was danach kommt, wird nur mit viel Glück zu etwas, mit dem du dauerhaft leben kannst und willst. Denke ich zumindest, habe ich so erlebt.

Und dann sitzt du diesem Teil deiner Vergangenheit gegenüber und erinnerst dich plötzlich wieder… An all das, was du in einer Beziehung nie wieder haben möchtest. Daran, dass du es damals einfach nicht besser gewusst hast. „Weißt du, auch wenn es danach mit keinem so richtig dauerhaft geklappt hat: Spaß hatte ich wesentlich mehr. Immer. Auch wenn es meistens irgendwie deppert geendet hat.“ Wirst du denken und später auch aussprechen.

Den Beziehungsposcha ablegen

Selbstverständlich habe ich es irgendwann in meinem Leben mit Parship, Websingles und wie sie alle heißen probiert. Ich kenne auch tatsächlich Menschen, bei denen es geklappt hat. Die schließlich vor dem Traualtar gelandet sind, die inzwischen sogar Nachwuchs haben und gar nicht daran denken, ihren Beziehungsstatus jemals wieder auf „Single“ zu setzen. Find‘ ich super. In allen Fällen, die ich kenne, sind aber mindestens einige Monate zwischen der letzten und der neuen Beziehung vergangen. Den Beziehungsposcha muss man erst einmal ablegen.

„Wo lernt man sonst jemanden kennen?“, fragt meine Bekannte. Berechtigte Frage. Arbeitsplatz? „Fällt bei mir weg… Und wenn ich mal fortgehe, du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich danach bin, nach Hause zu meinem Freund zu kommen. Unfassbar, das alles.“ – „Und du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich freue, nach dem Fortgehen nach Hause zu kommen und dort keinen von denen sitzen zu haben. Auch, wenn es eben gar keiner ist.“ – „Hm.“

Wo also noch, wenn nicht am Arbeitsplatz und beim Fortgehen? Ich zum Beispiel tue mir alles andere als schwer, Menschen kennenzulernen. Nicht am Arbeitsplatz (den habe ich zu Hause, das wäre also irgendwie seltsam). Offensichtlich nicht auf Dating-Plattformen. Überhaupt, ich hasse Dates. Was macht man da schon? Verkrampft dasitzen? Irgendwelche Gesprächsthemen und Gemeinsamkeiten suchen? Überlegen, wie man am besten das Weite suchen kann, ohne das Gegenüber zu verletzen? Ja, zirka so…

Interessen! Es sind meistens Interessen, die verbinden. Die sollte man halt haben, ansonsten wird es möglicherweise zu schwierig. Übrigens auch bei Partnerbörsen, sofern man darauf aus ist, jemanden für mehr als ein paar lustige Stunden zu finden.

Keine Garantie für gar nichts

Aber – und das ist die schlechte Nachricht – selbst das ist keine Garantie für irgendwas. Ich lerne praktisch täglich neue, spannende Menschen kennen. Dass jemand dabei ist, der a) Single, b) beziehungstechnisch interessant, c) auch interessiert ist, ist schon einmal nicht besonders wahrscheinlich. Hat man dann darüber hinaus noch Ansprüche („Du bist ja viel zu anspruchsvoll!“ Ich kann’s nicht mehr hören.), dann wird es wirklich kompliziert.

Darüber wiederum habe ich mich ein paar Stunden zuvor mit einer Freundin unterhalten, während ich ihr Baby (und das ihres Traummannes, yeah) auf dem Arm gehalten habe (und es nicht geschrien hat, Doppel-yeah)… Er muss wahrlich kein Superheld sein, er muss nicht einmal ein Prinz sein, die gibt’s bekanntlich ebenso wenig wie Prinzessinnen. Man sollte einander eben mögen – ganz ohne Torschlusspanik auf welcher Seite auch immer. Ganz ohne die Spätfolgen einer vorangegangenen Trennung, nach der man uuuuunbedingt wieder eine neue Beziehung braucht, meint zu brauchen, komme, was wolle.

Man sollte miteinander lachen und nicht übereinander. Und zwar so lange, bis beiden die Tränen runterkollern. Je öfter, desto besser. Man sollte sich natürlich Mühe geben, aber sich nicht anstrengen müssen. Wenn es schon zu Beginn anstrengend ist, wird es später in der Regel kaum besser. Man sollte sich geborgen, aber nicht eingeengt fühlen. Es sollte jemand sein, der weder mit Eifersucht noch mit Klammern reagiert. Jemand, den man nicht erst lieben lernen muss (die Zeiten sind doch bitte echt vorbei). Jemand, dessen Sätze man nicht deshalb vollenden will, weil man genervt darauf wartet, bis er es endlich selbst tut. Sondern dessen Sätze man vollenden will, weil man genau in diesem Moment das Gleiche denkt. Natürlich ohne sofort (oder auch nur irgendwann) Partner-Jogginganzüge anzuschaffen.

Jemand, der ebenso ernsthaft und offen mit dir redet, wie er auch ausgelassen sein kann. Jemand zum Pferdestehlen, es lebe das Klischee. Jemand, der mit dir auf die fürchterlichste Party ever geht und trotzdem Spaß mit dir hat, weil er da ist und weil du da bist. Und weil das Leben einfach super ist. Mehrheitlich zumindest. Einer, der sich auf Dinge einlässt, anstatt darüber zu urteilen. Der dir Sachen erzählt, von denen du keine Ahnung hast, es dir aber so erzählt, dass es dich trotzdem interessiert. Nicht belehrend, nicht lehrend, sondern begeisternd. Und vice versa. Jemand, der dir augenzwinkernd ein Buch über den Tisch schiebt und sagt: „Lies das mal, könnte dich interessieren.“ Und dir dann unaufdringlich, aber aufmerksam und unaufgeregt dabei zusehen kann, wie du… ja, liest. Jemand, mit dem du nicht betreten schweigst, weil ihr einander in Wahrheit nichts zu sagen habt, sondern jemand, mit dem du entweder auf eine angenehm-verschworene Art schweigst oder deine und seine Lippen auf irgendeine seltsame Art Eins werden. Ja, auch so, eh. Aber nicht nur. Ihr wisst schon.

c Sabine Karrer

Engagement, Glück, Zufall

„Wenn du so jemanden hast, lass‘ ihn nicht mehr los und verschwende keine Sekunde an Parship und Co. Und daran, was wäre, wenn…“, sage ich. Wenn nicht, dann mach’s. Aber es könnte passieren, dass du deiner Vergangenheit eines Tages gegenüber sitzt – und dir dann nicht denkst: „Hey, alles, was danach gekommen ist, ist eigentlich lustiger und besser gewesen.“ Und um ehrlich zu sein: Selbst, wenn du diesen Punkt erreichst, kann es bis dahin Jahre dauern. Danach können noch einmal weitere Jahre vergehen, bis du den Menschen, den du brauchst und verdienst, überhaupt kennenlernst. Aus all den Hunderten von Menschen, die du bis dahin kennen, schätzen und manche davon vielleicht auch lieben gelernt hast.

Es ist in gewisser Weise Engagement, es ist aber auch (oder vor allem?) viel Glück, Zufall. Niemand hat behauptet, dass es einfach ist, den Menschen zu finden, der dich irgendwie ergänzt, reizt, braucht, will,… Selbst wenn es davon mehrere gibt, wovon ich ausgehe. Niemand hat behauptet, dass das Leben fair ist. Die Kunst ist wohl, damit klarzukommen. Und zwar auch alleine. Obwohl niemand wirklich alleine ist, weil bekanntlich kein Mensch eine Insel ist. Aber mit dem Falschen zusammen zu sein, das macht einsam. Das macht einen dann irgendwie doch zu einer Insel. Zu einer, auf der zwei Menschen leben, von denen früher oder später einer den anderen in die Wellen stoßen möchte und darauf hofft, dass ein hungriger Hai vorbei schwimmt. Das kann nicht wirklich das Ziel des Lebens sein. Und schon gar nicht der Sinn.

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4 Gedanken zu „Vom Suchen, vom Finden und vom Zufall“

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