Verwirrte Generation

Ursprünglich sollte dieser Text „Generation beziehungsgestört“ heißen. Aber abgesehen davon, dass es ein Buch mit dem Titel bereits gibt, wie ich mittlerweile erfahren habe, passt für mich der Ausdruck „Verwirrte Generation“ besser. Wenn ich an mein eigenes Leben denke, wenn ich eure Facebook-Postings und eure Tweets lese, ich führe mit euch unzählige Dialoge, dann fällt mir einfach eine allgemeine Verwirrtheit auf, was Beziehungen betrifft.

Die einen mokieren sich (sicher nicht nur zu Unrecht) darüber, dass wir unterwegs lieber auf unser Smartphone starren und dort Tinder-Profile nach links und rechts wischen, als unseren Mitmenschen in die Augen zu schauen, zu lächeln, ja sich vielleicht zu verlieben. Dabei finde ich dieses ganze Partnerbörsen-Ding jetzt gar nicht so oberflächlich, wie einige sagen. Für viele ist es eine Chance, jemanden kennenzulernen – und ganz ehrlich: Ich habe definitiv noch nie jemanden in der U-Bahn kennengelernt. Der charmante Typ, der mir mal geholfen hat, meine Einkäufe vom Boden geklaubt hat, nachdem mein Sackerl gerissen war, hat mich auch nicht auf einen Kaffee eingeladen. Ich weiß, sowas passiert, wenn auch mehrheitlich nur im Film. In jedem Fall ist es die große Ausnahme, würde ich sagen. Ja gut, es gibt die Oberflächlichen auf Tinder & Co, oft zu erkennen an ihren Sexy-Pose-Profilbildern. Aber wenn ich mir einfach nur jemanden aufreißen will, dann kann ich genauso gut in die Bettelalm gehen, oder? Auf Tinder geht’s halt noch schneller, vermute ich. Natürlich sollten wir trotz aller digitalen Möglichkeiten das „echte Leben“ nicht vergessen, das tun die meisten meiner Generation aber auch nicht. Wir gehen trotzdem fort, wir lernen andere Menschen kennen, wir holen vielleicht auch jemanden, den wir online kennengelernt haben, ins „Real Life“. Hoffentlich tun wir das. Wir sollten uns halt einfach klar machen, dass alle Facebook-Postings, Tweets, Snapchats, Partnerbörsen-Chats… dass das alles nur einen Ausschnitt von uns zeigt. Übrigens auch dieser Blog hier.

Am Ende ist niemand eine Insel

Wenn wir uns einmal auf jemanden einlassen, wird es natürlich oft nicht einfacher. Da gibt es zum Beispiel die, die ganz intensiv auf der Suche nach jemandem sind, mit dem sie ihr Leben teilen können. Die am liebsten von Anfang an in jeder freien Minute mit diesem Menschen zusammen sein wollen. Ich verstehe sie schon, irgendwie sind doch die meisten von uns auf der Suche nach diesem einen Menschen, oder? Der ist halt selten, es wäre auch komisch, wenn es davon tausende gäbe. Blöd wird es, wenn ein Mensch, der den anderen am liebsten ständig um sich hätte, auf jemanden trifft, der das nicht will. Dann kann es funken, so sehr es will, es wird nicht funktionieren.

Und dann gibt es noch die, die irgendwie auf der Suche sind, aber irgendwie wieder nicht. Die in erster Linie ihr Leben leben und gar nicht daran denken, sich intensiver auf jemanden einzulassen. Verwirren kann man die genauso, denke ich. Muss man ja auch nicht so richtig verstehen, wenn man davon ausgeht, dass am Ende jeder einen Menschen um sich haben will, in welchem Ausmaß auch immer, mit dem man sich wohl fühlt. Mir kommt da gerade der Spruch „Niemand ist eine Insel“ aus dem Film „About a Boy“ in den Sinn. Aber wenn dieser Typ hier auf den Typen aus dem vorigen Absatz trifft, dann sorgt das natürlich auch für Verwirrung. Vermutlich bei beiden.

Liebesfilme enden eben dort, wo es noch nicht kompliziert ist

Ich bin mir sehr sicher, dass ich keiner von diesen zwei Typen bin, sondern irgendwas dazwischen. Über den Wunsch, dass sich doch endlich jemand in mich verliebt, habe ich bereits vor einiger Zeit geschrieben. Im Grunde hört es da fürs Erste aber auch schon wieder auf. Ich würde einfach gerne wissen, wie es sich anfühlt, wenn sich jemand in mich verliebt. Wie es dann wäre, kann ich jetzt auch nicht sagen. Vermutlich würde es mich verwirren und vielleicht würde ich wieder tausend Gründe finden, um bloß nicht an eine gemeinsame Zukunft denken zu müssen. Das macht mir Angst, das verwirrt mich. Diese Idee davon, dass da plötzlich jemand in deinem Leben ist und dieses völlig auf den Kopf stellt. Jemand, den du schon fünf Minuten, nachdem du dich verabschiedet hast, vermisst. Du weißt, dass du irgendetwas aufgeben müsstest, auch wenn du es dann vermutlich sogar gerne tätest. Woher weiß ich, dass ich das wirklich will, wenn die Hormone verrückt spielen? Chemische Prozesse und so, voll unromantisch. Deine Freunde würden sich für dich freuen, aber auch hier würde sich etwas ändern, hättest du plötzlich gravierend weniger Zeit für sie. Beziehungen verändern auch Freundschaften. Und ich weiß nicht, ob ich das will. Ich denke genauso an die vielen schlimmen Geschichten rund um Beziehungen, also an die, die spätestens dann entstehen, wenn sie vorbei geht. Große Liebe, großes Drama. Liebesfilme enden meistens an der Stelle, an der sich die beiden endlich finden. Sie zeigen nicht den Alltag und schon gar nicht das Ende einer Beziehung. Ja, das verwirrt mich. Sehr.

Wahrscheinlich sollte ich gar nicht so viel über das alles nachdenken. Wahrscheinlich sollte ich es so entspannt angehen, wie ich kürzlich hier geschrieben habe. Dazu gehört es aber auch, offen darüber zu reden, was Sache ist. Über seine Wünsche und Ängste. Eigentlich ist es schon ziemlich gut, wenn es Menschen gibt, mit denen man das kann. Ich konnte darüber früher nicht reden, meistens habe ich alles eher passieren lassen, mich zu sehr nach dem gerichtet, was andere zumindest anscheinend wollten. Dass ich mittlerweile gelernt habe (und es immer noch lerne…), über meine Verwirrtheit zu reden, hat schon einiges an Verwirrtheit aufgelöst. Trotzdem zähle ich mich weiterhin zur „verwirrten Generation“. Zur „Generation auf der Suche, aber nach was eigentlich?“. Ob sich das bei mir jemals ändern wird, weiß ich nicht so genau. Der Wunsch, jemandem so wichtig zu sein, dass seine Gedanken ständig um mich kreisen, ist da, ja. Aber ob ich damit umgehen könnte, keine Ahnung. Vielleicht ist das auch eine Ego-Sache. Und jemanden zu verwirren, weil man wissen will, wie sich das anfühlt, wenn in seinem Bauch eine ganze Horde an Schmetterlingen herumfliegt… um dann drauf zu kommen, dass man damit gar nicht umgehen kann, dass es einfach nicht auf Gegenseitig beruht, irgendwie taugt mir die Vorstellung genauso wenig. Es ist nämlich gar nicht so viel leichter, jemanden zu verletzen, als selbst verletzt zu werden. Für mich zumindest nicht.

Wie so oft schreibe ich hier hauptsächlich aus der Ich-Perspektive, vielleicht ist auch das egoistisch. Letztendlich versuche ich einfach, in Worte zu fassen, was mir selbst durch den Kopf geht und was ich aus vielen Gesprächen mit Menschen eben hauptsächlich aus meiner Generation beziehungsweise rund um meine Generation erfahre. Ich weiß jetzt schon, dass sich manche von euch in diesem Text wiederfinden werden. Wer es nicht tut, den beglückwünsche ich an dieser Stelle. Insgeheim hoffe ich, dass das die Mehrheit ist. 😉

 

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