Tod unter der Reichsbrücke

In diesem Text geht es um das Sterben eines mir unbekannten Mannes. Ich stelle das deshalb an den Anfang, weil ich sicher bin, dass nicht jeder so etwas lesen möchte. Überlegt, ob ich das überhaupt veröffentlichen möchte, habe ich lange und intensiv. Ich habe mich schließlich dafür entschieden, denn es ist nun einmal real und es ist mir passiert. Daher ist alles, was ich hier schreibe, auch meine Sichtweise der Dinge. Wie es anderen Menschen geht, die Ähnliches erlebt haben, darüber maße ich mir selbstverständlich kein Urteil an. So viel nur vorab.

Ein sonniger Tag im Juni. Du spazierst über die Reichsbrücke zum Donauinselfest. Alle lachen, sind fröhlich. Du bist nachdenklich. Stehst am Geländer und schaust hinunter. Dorthin, wo es passiert ist. Fast ein Jahr ist seither vergangen. Es hat vermutlich nicht mehr als ein paar Sekunden gedauert. Alles danach hat sich angefühlt wie Stunden. Du siehst es wieder vor dir. Den jungen Mann, das Blut, die Treppen, die du adrenalingeschwängert so viele Male hinauf und hinunter läufst. So lange, bis endlich die erlösenden Blaulichter des Rettungswagens zu sehen sind. Die Menschen, die versuchen, den jungen Mann wach zu halten. Ihn zuvor in die stabile Seitenlage gebracht haben. Den kleinen, zarten Mann, der gemeinsam mit dir mit fuchtelnden Armen den Sanitätern entgegen läuft.

Du siehst den großen, schwarzen Hund, den du später umklammern wirst. Mit zitternden Knien und Tränen in den Augen. Den Notarzt, die Polizisten. Das Gesicht des jungen Mannes. Hilflos, nach Luft ringend, sterbend. Das Beatmungsgerät. Die Rettungsdecke. Wie sie ihm langsam das Tuch über den Körper ziehen. Über sein Gesicht. Du beobachtest dich selbst: am Boden sitzend und dich sorgend, er könnte unter der Decke ersticken. Du kapierst es nicht. Du siehst, wie die Mediziner mit geübten Handgriffen ihre Sachen einpacken. Wie die Männer miteinander sprechen. Wie du langsam weitergehst, als es vorbei ist. Sie brauchen dich nicht mehr, er braucht dich nicht mehr. Neben dir spazieren der schwarze Hund und dein Begleiter. Du hakst dich ein. Bist bemüht, ein zittriges Bein neben das andere zu setzen. Siehst weniger Meter weiter all diese Menschen, die den sonnigen Tag genießen. Einen Tag wie heute. Auf dem Floß, auf Bänken, am Ufer… Für sie ist der Tod weit entfernt, für dich nicht mehr.

Es ist ein Jahr her. Die Bilder flackern immer wieder auf. Jetzt, nach der Amokfahrt in Graz, suchen sie dich wieder öfter heim. Du willst dir nicht ausmalen, wie es Menschen geht, die noch so viel Schlimmeres erlebt haben. Die mit einem Tod konfrontiert worden sind, den niemand selbst gewählt hat. Hier hat jemand gezielt Jagd auf Menschen gemacht, die nicht sterben wollten. Unendlich viele Menschen müssen das Unfassbare miterlebt haben. Viele stabile Seitenlagen, viele Beatmungsgeräte, viele Rettungsdecken. Du hast es in den Nachrichten gesehen. Es ist so weit weg von dir und trotzdem ganz nah.

All das geht dir durch den Kopf, während du hier oben auf der Brücke stehst. Ungefähr hier muss der junge Mann damals gestanden haben, als er beschlossen hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Kein Romeo-und-Julia-Ende. Ein Ende aus Blut, zerschmetterten Knochen, Atemlosigkeit, Schmerzen, Elend. Ob der junge Mann in diesen Minuten vielleicht gar nicht mehr sterben wollte, weißt du nicht. Du schaust hinunter auf den Beton. Hier, so nahe am Wasser. So wenige Meter entscheiden an dieser Stelle zwischen Leben und Tod. Du siehst den Betonpfeiler. Den großen, dunklen Fleck. Der Regen hat ihn längst weggewaschen. Du beobachtest dich selbst, wie du dich hier am Tag danach hinkniest und eine Kerze abstellst. Für einen dir unbekannten Mann, der auf so schreckliche Weise ein Teil deines Lebens geworden ist. Du siehst ihn vor dir und es ist fast so real wie vor elf Monaten.

Ja, die Bilder kommen wieder. Aber du bist vorbereitet. Du konntest viel über das Geschehe sprechen. Du hattest Hilfe. Das ist auch den Menschen in Graz zu wünschen. Und Menschen überall auf der Welt, die Ähnliches wie du oder noch viel, viel Schrecklicheres mitansehen mussten. Auch das hinterlässt Narben.

Langsam gehst du weiter. Nimmst Stufe für Stufe, näherst dich immer weiter den fröhlichen Menschen. Du wirst ein Teil der Menge. Siehst lachende Gesichter, bunte Luftballons, hörst die Musik, die Sonnenstrahlen scheinen in dein Gesicht. Du lässt dich treiben, lebst, lachst mit. Das Düstere bleibt dort, unter der Brücke. So lange, bis du wiederkommst.

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4 Gedanken zu „Tod unter der Reichsbrücke“

  1. Ein trauriges Ende eines jungen Lebens. Immer wieder erschreckend dass Menschen in eine solche gefühlte Ausweglosigkeit kommen können – und ich bin froh das noch nie am eigenen Leib verspürt zu haben.

    Eines hat er wohin auch immer mitgenommen – in Deinen Gedanken lebt er, jetzt sicher, behütet und irgendwie geliebt weiter…

    1. Naja nein, so soll das echt nicht sein. Ich weiß nichts über seine Beweggründe, ich maße mir auch da kein Urteil an, aber in meiner Realität sollte so einfach kein Leben enden. Ich muss halt damit leben, dabei gewesen zu sein – und schreibe es mir wie so oft von der Seele… (Und freue mich einfach für Menschen, denen so etwas erspart bleibt.)

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