Mensch oder Maschine?

Selbstbedienungsautomaten. Über das Thema kann ich praktisch zu jeder Uhrzeit lamentieren. Meine ersten Erfahrungen damit: Kaugummiautomaten. Das war damals lustig und wäre es wohl heute noch, würde ich endlich jemanden finden, der schon mal spontan einen Ring rausgedrückt hat, um der Angebeteten einen Antrag zu machen. Diese Geschichte würde ich wirklich gerne erzählen. „Kaugummi-Romantiker“ würde ich sie nennen. Toller als Kaugummiautomaten fand ich aber schon in frühen Jugendjahren den Zuckerlverkäufer ums Eck meiner Schule. Da konnte man sogar anschreiben lassen. Und die Gummischlümpfe waren sowieso besser als die abgefummelten Kaugummikugeln. Weitere Erfahrungen: mäßig. Getränkeautomaten, ja. Oft. Aber ich habe zum Beispiel noch nie ein Kondom aus dem Automaten gezogen, nicht mal einen Tampon. Aber gut zu wissen, dass ich könnte, wenn es sein müsste. In einem Hietzinger Lokal habe ich am Klo übrigens sogar mal einen Dildo-Automaten entdeckt. Zumindest hierzulande war das bisher das skurrilste Fundstück für mich. Was man teilweise an Autobahn-Raststätten in Nachbarländern findet, hatte ich bis zu diesem Moment gerade tatsächlich erfolgreich verdrängt.

supermarkt1WIRKLICH skurril wird es aber, wenn ich als Kundin dazu gebracht werden soll, die Arbeit der Angestellten zu erledigen. Damit der Betrieb weniger Angestellte bezahlen muss. Damit Menschen vielleicht ihre oft eh schon schlecht bezahlten Jobs verlieren, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Das hat nichts damit zu tun, einen Automaten aufzustellen, bei dem die Regeln klar sind: Da ist was drin, ich will es haben, also werfe ich Münzen ein. In einen Supermarkt aber gehe ich, um Sachen in mein Wagerl zu legen, sie an der Kassa scannen zu lassen und dem Menschen, der mir den Betrag sagt, eben diesen zu überreichen. Das ist eine Leistung, für die ich bezahle, wenn ich meine Produkte kaufe. „Automat! Besser! Schneller!“ Ein Merkur-Markt in der Wiener Innenstadt etwa versucht vieles, um mich von den Vorteilen der Selbstbedienungs-Kassa zu überzeugen. Nur: Mir erschließen sie sich nicht. Wenn ich in die teils verzweifelten Gesichter der Kunden, die dort ihre Waren scannen, blicke, denke ich laut und deutlich: „Nein! Niemals!“

Vor einigen Monaten bei McDonald’s irgendwo in Floridsdorf. Hüttengaudi-Wochen. Eh schon furchtbar. Als ich die Tür öffne, jodelt es aus dem Lautsprecher. Oktoberfest-Deko überall. Die mag ich am Oktoberfest. Sonst nicht. Geschmacksache vermutlich. Eine Frau im Dirndl (zumindest trägt sie in meiner Erinnerung ein Dirndl) preist mir die Möglichkeit an, am Automaten zu bestellen und zu bezahlen. Falscher Zeitpunkt, falsches Setting. Und meinen McSundae hätte ich auf diesem Weg auch kaum schneller bekommen. Und darum geht es doch letztendlich, oder? Kurzes Vapiano-Zwischenspiel an der Stelle: Vielleicht kann mir mal jemand das Reizvolle an diesem System erklären? Platz suchen, anstellen, Essen bestellen, warten, zum Tisch bringen, nochmal um Getränke anstellen. Beim Rausgehen nochmal anstellen, um zu bezahlen. Über das Vapiano-Konzept kann ich mich stundenlang aufregen. Ich war erst zwei- oder dreimal in dem Laden und das immer höchst gestresst. Es ging nicht schneller als in der Pizzeria ums Eck und günstiger war’s auch nicht. Aber wenigstens habe ich bei Vapiano noch keine Automaten gesehen, wenn man von diesen grell-blinkenden, surrenden Dingern absieht, die mir sagen, dass mein Essen fertig ist.

Er ringelt mein Gate ein und ich will ihn heiraten

Während die einen noch versuchen, Kunden zum freiwilligen Verwenden der SB-Automaten zu bewegen, lassen einem andere gar keine Wahl mehr. KLM-Schalter am Flughafen Schipol, vor einem Jahr. Ich und mein großer Reise-Rucksack. Eine grantig dreinschauende Frau, von Kopf bis Fuß in KLM-Blau gebrandet. Sie schiebt mich in Richtung jener Maschine, in der ich gleich mein Gepäck einchecken soll. Ich lasse mich nicht schieben und verweise auf meinen Rucksack, der nun mal kein Koffer ist. Und das Ding ist eindeutig für Koffer konzipiert. Kurzer Wortwechsel, ich gebe mich geschlagen. Mehrere erfolglose Versuche später schaue ich verzweifelt in die ebenso verzweifelten Gesichter der Koffer-Einchecker links und rechts von mir. Und das soll wirklich schneller gehen? Uff. Kurz bevor das Teil meinem Fußtritt zu spüren bekommt, schnappe ich meinen Rucksack und schleppe uns beide zur KLM-Frau. Nochmal kurzer Wortwechsel („But I told you before… That’s so stupid!“). Ein freundlicher Herr vom Schalter gegenüber (der, zu dem ich vorher nicht durfte) trennt uns knapp vor der Eskalation. Ich solle bitte mitkommen, er werde meinen Rucksack händisch einchecken, grinst er. In dem Moment bin ich ein bisschen verliebt.

flughafen1Mein Held kommt ohne Pferd, Krone und Schwert, aber er hat einen Computer, ein Förderband, eine Kofferwaage, so ein Ding zum Etiketten-Ausdrucken, er sitzt hinter einem Schalter und… ER SPRICHT MIT MIR! Und er zückt im nächsten Moment seinen Kugelschreiber und ringelt am Ticket mein Gate ein. Ehrlich: Ich bin am Flughafen sowieso gestresst. Ich habe Sorge, mein Flugzeug zu verpassen, mein Ticket am Weg dorthin zu verlieren, gleich mit möglicherweise lauter Wahnsinnigen tausende Meter über der Erde in ein Ding aus Stahl eingesperrt zu sein, von dem ich immer noch nicht verstehe, wie es in der Luft bleiben kann. Ich brauche jemanden, der mein Gate aufs Ticket schreibt, es einringelt und mich freundlich anlächelt. Jetzt will ich den KLM-Mann heiraten.

Ich würde immer wieder zur langsamen Kassiererin gehen

supermarkt2Natürlich rege ich mich oft genug über das Personal an Supermarktkassen auf. Meine Twitter-Follower können ein Lied davon singen. Es kann halt auch einfach nerven. Bei meinem Stamm-Billa habe ich immer ein bisschen Angst davor, mit dieser einen Kassiererin zu sprechen. Sie kann nämlich nur eine Sache gleichzeitig: scannen oder reden. Beim Scannen nimmt sie jedes Produkt zuerst in die eine, dann in die andere Hand, zieht es über den Scanner und schiebt es zu mir rüber. Wenn ich sie frage, wie es ihr geht, stoppt sie den Vorgang. Natürlich kommt da hie und da der Gedanke auf, es lieber gleich selbst zu machen.

Aber hätte ich die Wahl: Ich würde trotzdem immer wieder zur langsamen Kassiererin gehen. Weil menschlicher Kontakt und so. Weil sie ja nett ist. Weil die Frau den Job braucht und ich nicht schuld daran sein will, dass er irgendwann obsolet wird. Weil ich verdammt nochmal nicht auch noch für die Supermarktkette arbeiten will, in die ich gerade mein Geld trage. Oder sind die Produkte bei Merkur und Co irgendwie billiger geworden, weil ich als Kundin den Job der Kassiererin oder des Kassiers übernehme? Eben. Mensch oder Maschine? Meine Entscheidung ist klar.

 

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