My Grätzel is my Castle

„Über die Donau zieht man nicht“, hat man früher gerne gesagt. Meine Eltern haben den Rat glücklicherweise nicht beherzigt und es dennoch gewagt. Zwar hat Kaisermühlen damals nicht mehr den Spitznamen „Hungerinsel“ getragen, auch das sogenannte „Brettldorf“ ist längst Vergangenheit gewesen, dennoch hat das Grätzel nicht unbedingt zu den Traum-Wohnorten der Wiener gezählt. Klar, die sind gerne zum Schwimmen über die Donau gekommen (das tun sie heute noch), sind aber danach wahrscheinlich genauso gerne wieder nach Hause gefahren.

Grätz’n, G’scherte und Gelehrte

Das hat sich verändert. Immer mehr Wiener möchten am Stadtrand leben. Im Grünen, aber trotzdem nah am Geschehen. 15 Minuten brauche ich genauso in die Innenstadt wie in die Lobau. Klar, die wollen das, was ich seit Jahrzehnten schätze. Was okay ist, aber unangenehm wird, wenn immer mehr teure Eigentumswohnungen und Häuser am Wasser hochgezogen werden. Noch sind wir weit entfernt vom Nobelviertel, aber inzwischen wenigstens ebenso weit entfernt von der „Insel“ mit leichtem Proleten-Touch.

Bis zu einem gewissen Grad ist das schade. Denn das macht den Charme meines Grätzels mit aus: Jeder kennt mehr oder weniger jeden. Es gibt die Grätz’n, die G’scherten, die Gelehrten. Die sitzen gemeinsam auf ein paar Bier zusammen und philosophieren über diesen und jenes. Im „Café Bauchstich“ natürlich, wo sonst. Man darf aber ja nicht das Bauchstich mit dem „Café Oa…loch“ verwechseln, das ist ein anderes gewesen und hat schon lange geschlossen. Um ehrlich zu sein: Ins Bauchstich hab ich mich lange nicht reingetraut. Schummrig, unheimlich, der Ruf, der Name(!). Der kommt auch nicht von irgendwo, erzählen mir ältere Kaisermühlner, aber die Zeiten sind lange vorbei. Ins Bauchstich gehst du halt einen heben, wenn nichts anderes mehr offen hat. Gehst meistens nicht nüchtern raus, aber das ist okay. Mein Stammlokal ist es bei Gott nicht. Aber inzwischen trau ich mich rein. Einmal sogar alleine, aber da hab ich vor der Türe lange überlegt. Ich hatte eine Parte abzugeben. Aber in Wahrheit ist es so: Man kennt die Leute eh, die an der Bar sitzen, aber draußen auf der Straße hört man sich ihre Geschichten nicht an. Es ist schon spannend im Bauchstich. Einmal durfte ich sogar auf einer Karte unterschreiben, die einem Stammgast ins Gefängnis zugestellt werden sollte. Das war eine G’schicht.

Die allerbesten Stories erzählt man sich vermutlich immer noch beim Brandinesa. Aber da geh ich echt nicht rein. Also bis auf das eine Mal, als ich mich in der Tür zum Leberkäs-Tandler geirrt hab. Aber da hab ich mich gleich wieder umgedreht.

c Sabine Karrer

Man trifft sich im Stammlokal

Eine Zeitlang hat sich fast mein gesamtes soziales Leben im Grätzel abgespielt. Kindergarten, Spielplatz, Volksschule, Jungschar, Jugendgruppe. Die meisten Freunde im Gymnasium über der Donau haben auch in meiner Nachbarschaft gelebt. Später, während des Studiums – mit denen, die geblieben, aber auch mit denen, die dazu gekommen sind: Viele lange und lustige Abende im Stammlokal verbracht. Also im echten, nicht im Bauchstich. In Wahrheit auch viele sinnlose Abende. Aber wozu unter der Woche in die Stadt fahren, liegt das Flüssige samt Unterhaltung (oder umgekehrt) doch so nah? Praktischerweise hab ich damals sogar direkt neben dem Stammlokal gewohnt. Dort konntest du zu jeder Tag- und Nachtzeit hinschauen und hast immer jemanden getroffen, den du kennst.

c Sabine Karrer

Mein Grätzel ist ein kleines Dorf mitten in der Stadt. Irgendwie in sich geschlossen und dennoch offen. Mit den immer gleichen Menschen. Die oft die gleichen, aber immer wieder auch neue Geschichten erzählen. Zum Beispiel die vom R. Der ist gerade erst im Kaiserwasser ertrunken. Tragisch. Den R. hab ich ein paar Mal im Bauchstich gesehen. Und ein, zweimal in meinem Stammlokal. Ich hab ihn eher zu den Grätz’n gezählt, weniger zu den G’scherten oder gar den Gelehrten. Aber über Tote redet man ja nicht schlecht. Seinen Hund hab ich aber lieb gefunden. Und der heißt blöderweise genauso wie der Hund eines Bekannten, der auch hin und wieder ins Bauchstich geht. Ratet mal, was derzeit eines der Top-Gerüchte im Grätzel ist. Aber Totgesagte leben bekanntlich länger, deswegen kann sich der C. eh freuen.

Irgendwann, da wünsche ich mir ein Buch, in dem ich alle Gerüchte nachlesen kann, die so über mich in Umlauf sind. Das ist einfach so: am Land und im Grätzel. Aber in einer Sache bin ich mir relativ sicher: Dass mich niemand für tot hält.

Mikrokosmos an Skurrilitäten
und Liebenswürdigkeiten

Ein paar Mal hab ich darüber nachgedacht, woanders zu leben. Damals hab ich sogar Studenten beneidet, die aus den Bundesländern nach Wien ziehen müssen. Die können sich ihr Grätzel aussuchen, meines hat sich mich ausgesucht. Heute, mit fast 35, bin ich mir relativ sicher, dass ich hier nicht freiwillig weggehen werde. Umziehen ja, aber nicht weg. Nicht innerhalb von Transdanubien, nicht über die Donau. Wobei, das weiß man nie so genau. Man lernt jemanden kennen, der liebt sein Grätzel auch… Vielleicht müsste man sich dann der Fairness halber ein gemeinsames neues Grätzel suchen.

c MWUm ehrlich zu sein: Mit anderen Grätzeln kenne ich mich nicht so aus. Gibt es in jedem ein Bauchstich, ein Stammlokal, einen Seniorentreff, eine Frau U., die auch im Winter gerne Strumpfhosen ohne was drunter trägt und eine viel zu dicke Make-up-Schicht im Gesicht? Die jeder für ein bisschen (sehr) anders hält, aber jederzeit für sie in die Presche spränge? Weil über die U. darfst du nichts sagen, die ist eine von uns. Gibt es anderswo auch einen alten „Käpt’n“, von dem niemand weiß, ob er tatsächlich jemals ein Schiff gesteuert hat?

Erzählt mir bitte mal eure Grätzelgeschichten. Liebt oder hasst ihr euren Mikrokosmos an Skurrilitäten und Liebenswürdigkeiten? Was verbindet ihr mit eurem Grätzel? Könnt ihr euch vorstellen, euer „Castle“ für immer zu verlassen? Oder in ein Neubau-Gebiet wie die Seestadt zu ziehen, das noch gar keine Grätzelgeschichte hat?

 

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3 Gedanken zu „My Grätzel is my Castle“

  1. Liebe Sabine! Das ist eine wunderschöne Liebeserklärung an unser Grätzel. Und es ruft nach detaillierten Geschichten! In jedem Fall nach Fortsetzungen!!!

    1. Danke. 🙂 Ich werd mich mal in anderen Grätzeln umschauen. Aber vor allem würde mich interessieren, ob andere Wiener auch so eine starke Verbindung zu ihrem Grätzel haben und warum (bzw. wenn nicht, warum nicht). 😉

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