Monatskarten für Flüchtlinge – wie ist es wirklich?

oe24.at/“Österreich“ hat vor Kurzem einen Artikel veröffentlicht, der den Titel „Flüchtlinge fahren bereits gratis mit Öffis“ trägt. Weiter geht es mit „Nun wird öffentlich, dass die Flüchtlinge schon lange die teuren Monatskarten bekommen“… Ein nicht genannter Leiter eines ebenfalls nicht genannten Flüchtlingsheimes soll laut dem Bericht gesagt haben, in der Unterkunft würden bereits alle Flüchtlinge mit Gratis-Monatskarten fahren, wenn sie Bildungsmaßnahmen wie Deutschkurse besuchen. Die Kosten übernehme der Fonds Soziales Wien (FSW). Wobei, immerhin das steht im Artikel, Monatskarten in Summe jedenfalls günstiger sind, als Einzelfahrscheine, kostenmäßig und bürokratisch. Dass dieser Text vielfach auch auf einschlägigen rechten Seiten geteilt wurde und wird, muss ich wahrscheinlich nicht extra betonen. Klar, er suggeriert ja auch, alle Flüchtlinge würden gratis mit den Wiener Linien fahren, Neid ist da vorprogrammiert. Wobei ich mich frage: Neid worauf? Die Leute haben ja nicht viel. Möchte echt jemand tauschen? Mit dem bisschen Geld, das sie monatlich zur Verfügung haben, können sie die Tickets für die Öffis selbst gar nicht finanzieren.

Freunde von mir sammeln zum Beispiel regelmäßig Geld für Monatskarten, um zu helfen . Eine ziemlich gute Sache. Dass sich nach dem oe24-Artikel so mancher fragt, warum eigentlich spenden, wenn doch eh alle gratis fragen, ist klar. Also wollte ich das genau wissen und habe beim FSW nachgefragt. Anscheinend übrigens im Gegensatz zu oe24, denn laut einem FSW-Sprecher hat die Pressestelle keine Anfrage des Mediums dazu bekommen. Und im Artikel wird auch niemand vom FSW dazu zitiert.

Wie ist das jetzt also wirklich mit den Monatskarten?

Beim FSW erfahre ich, dass Asylwerber in Wien, die bestimmte Deutschkurse oder andere Bildungsmaßnahmen wie das Jugendcollege besuchen (was wir ja wohl alle wollen, weil Integration und so), um eine Rückerstattung der Fahrtkosten ansuchen können. Und zwar nur diese und auch nur dann, wenn die Bildungseinrichtung weiter als zwei Kilometer von ihrem Wohnort entfernt ist. Weil es in der Regel doch etliche Kurstage im Monat gibt, ist eine Monatskarte günstiger als Einzelfahrscheine, daher wird auch sowas akzeptiert (um die Kosten möglichst gering zu halten, eine gute Option, finde ich).

Bis heute sind laut dem von mir befragten FSW-Sprecher ungefähr 400 Anträge (eine sehr überschaubare Zahl, oder?) zur Rückerstattung im Rahmen dieser Bildungsmaßnahmen eingegangen. Es kann also keine Rede davon sein, dass alle Flüchtlinge in Wien gratis mit den Öffis fahren. Nicht einmal ansatzweise. (Anmerkung von mir: Wie erwähnt, betrifft die Kostenrückerstattung bestimmte Bildungsmaßnahmen. Es gibt über die von der Bildungsdrehscheibe vermittelten, zertifizierten Kurse, Deutschkurse für unbegleitete Minderjährige, Kurse des Jugendcolleges und Lehrgänge in Abendschulen, für die das u.a. gilt, hinaus noch viele andere Deutschkurse, teilweise sogar privat organisierte. Für solche gibt es diese Option nicht.)

Wenn jetzt also nicht nur wieder flächendeckend Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht bzw. diese verstärkt wird, sondern darüber hinaus hilfsbereite Menschen, die sich bisher finanziell an Monatskarten für Flüchtlinge beteiligt haben, ihre Unterstützung einstellen: Wohin darf man die Rechnungen, die dann wieder nur von einigen wenigen Privatleuten bezahlt werden, schicken? Weil, wie schon erwähnt: Nur eine geringe Zahl an Asylwerbern in Wien hat die Möglichkeit zur Kostenrückerstattung. Was ich persönlich übrigens schade finde, denn für die Integration ist auch die Möglichkeit, sich frei fortbewegen zu können, sehr wichtig, ich fände es insofern sogar wünschenswert, würde das, was der Artikel suggeriert, so auch zutreffen. Lediglich konnte ich mir nicht vorstellen, dass es so ist. Daher: Hinterfragt alles, was ihr irgendwo lest oder hört, es ist oft eben gar nicht so. Und es hat mich keine paar Minuten gekostet, beim FSW persönlich nachzufragen.

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Was ich auf Anregung zweier Kolleginnen gerne noch ergänzen möchte:

  • Rückerstattung bedeutet natürlich, dass man das Geld erst einmal auslegen, sich das also leisten können muss.
  • Asylwerber erhalten nur 40 Euro Taschengeld pro Monat. Eine Monatskarte kostet 48,20 Euro. Das geht sich also nicht aus.

 

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5 Gedanken zu „Monatskarten für Flüchtlinge – wie ist es wirklich?“

  1. Genau so ist es! es werden SO VIELE Gerüchte in die „Welt“ (nun ja meine natürlich Österreich), dass bei vielen Dingen schon der logische Verstand die Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird. SO finde ich, um Dem massiv entgegen zu wirken, einfach einmal genau für die lieben Österreicher in Klartexten eine Brochüre heraus zu bringen mit dem Titel: „Welche Ansprüche hat ein Asylant (auch in Beträgen) und welche hat ein österreichischer Sozialhilfebezieher im Vergleich!“
    Die Hetze findet doch sonst NIE ein Ende – statt Wahlwerbematerial bei U-Bahnen auszuteilen (auf die kommenden Nationalratswahlen bezogen) – sollte man solche Informationen an die Klugen austeilen, damit sie dann vielleicht KLÜGER werden und nicht den Hetzern Glauben schenken.
    Einfach ein wenig mit Paragraphen ausschmücken, dann glauben´s die Leute.
    Vielleicht kommt dann ein „AHA“ – die kriegen ja gar nicht Viel!“
    Zumindest noch weniger, als ich schon kriege, da ich ja in einem Wohlstandstaat lebe, und ich sicher nicht für € 1.000,– jeden Tag arbeiten gehe, wenn ich € 850,– für´s Nichtstun bekomme.
    Denn diese Mindestsicherung bei Nettoeinkommen eines Hilfsarbeiters mit knapp über € 1.000,– oder bei Lehrabbrecher (für diese Jungen ist das ja zu der Lehrlingsentschädigung ein kleines Vermögen und an die Zukunft denkt keiner von denen, taten wir auch nicht, aber wir bekamen dies von unseren Eltern eben auch großteils anders vorgelebt), ist eindeutig die Versuchung pur, genau NICHTS zu tun!!!
    Ich habe schon einige junge Leute sagen hören, dass man da einfach nur 2 bis 4 Kinder bekommt (Aussage eines Burschen) und mit der Mindestsicherung und der Familienbeihilfe kann man ja eh super leben! der Kindergarten kostet eh fast nix, also worauf warten wir? Unter Kreisky wären wir froh gewesen, wenn ein paar Familien mehr als 1 bis 2 Kinder bekommen hätten!
    Also bitte beginnt MASSIV Aufklärungsarbeit was ein Flüchtling hier tatsächlich (vom Einreisen weg) an finanziellen Zuwendungen bekommt und vergleicht ihn mit unseren „Sozialschmarotzern“ – sonst landen wir wirklich in den nächsten ein bis zwei Jahren in einem Bürgerkrieg.
    Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, der Hass gegen das Unbekannte, den Terror und somit Allen gegenüber die anderer Nationalität sind, hat die Hälfte der österreichischen Bevölkerung schon erreicht!

    1. Mich wundert bereits seit einiger Zeit, dass nicht endlich eine Aufklärungskampagne über die Medien erfolgt, was Asylwerber wirklich bekommen. Nicht viel und gerade genug um zu überleben.
      Die wenig sozial denkenden verbreiten jede Menge Unsinn über vermeintlichen Reichtum den diese Leute bekommen und finden immer mehr Dumme, Neider und Asoziale die das weiter posaunen.
      Es ist Zeit dagegen zu steuern mit Aufklärung.

      1. Ich fände es auch gut, würde viel mehr kommuniziert werden, was Asylwerber wirklich bekommen, ja. Deswegen war es mir auch so wichtig, diesen Blogpost zu schreiben und wenigstens mal bei diesem Thema aufzuklären. Es sind so viele falsche Gerüchte im Umlauf und es muss doch Menschen geben, bei denen auch ankommt, wie es wirklich ist…

    2. Du hast vollkommen Recht: Es braucht noch sehr viel Aufklärungsarbeit. Und noch sehr viel mehr Solidarität. Dazu kann jeder von uns einen Beitrag leisten und viele machen das glücklicherweise längst. Vielleicht folgen auch andere, wenn einige mit gutem Beispiel voran gehen. Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. 😉

  2. Hätte mir eigentlich erwartet, dass der Blog von Hasskommentaren übergeht, nachdem der Link ja auf der Facebookseite von dem Fetzenschädel veröffentlicht wurde.

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