Eine sehr lange Nacht der Museen

Die Nacht gehört uns. Und den Museen. „Sehr spannende Sachen gibt’s da“, stelle ich nach der ersten Vorbereitungsrunde fest. „Hab eh nur mal die 20 coolsten rausgesucht.“ Er lacht und verkleinert auf sieben oder acht. „Die sind vielleicht noch halbwegs realistisch.“ „Grobauswahl“, grinse ich. „Es war nur eine GROBAUSWAHL!“ Und speichere die verbliebenen Adressen in Google Maps ein. Für mich ist es übrigens die erste „Lange Nacht der Museen“ in Wien. Erstaunlich, weil es die in Wien seit bald zwei Jahrzehnten gibt. Ist aber so.

Es beginnt am Zentralfriedhof

Wir stürzen uns ins Abenteuer und starten kurz nach 18 Uhr beim Bestattungsmuseum am Zentralfriedhof. Unsere Tickets kaufen wir bei einer Dame, die in einem Sarg steht, der eigentlich eine Kassa ist. Im Museum bestaunen wir Särge, Totenmasken, traditionelle Trauerkleidung und natürlich die skurrilen „Souvenirs“. Wir erfahren, dass es früher mal eine Art Sparvereine für Beerdigungen gab und dass der Herzstich wohl durchaus mehr Sinn gemacht hat als die im Sarg montierte Glocke für den Fall, dass man doch mal lebendig begraben wurde. Dann doch lieber gleich tot sein.

Immer wieder stoßen wir zur Gruppe, die der lustige Herr mit dem „der letzte Reiseleiter“-Schriftzug am T-Shirt durch die Räume führt und dabei beweist, dass man sich dem Thema Tod durchaus mit ein bisschen Humor nähern kann. Nur das Probeliegen im Sarg ersparen wir uns. „Dazu haben wir noch früh genug Zeit“, sagt er. Stimmt.

Dank des Schildes „Mit Rücksicht auf die kalte Jahreszeit wird den Herren empfohlen, am Weg zum Grabe die Hüte aufzubehalten“ nehmen wir am Ende noch einen wertvollen Tipp mit. Blöderweise hat der Herr keinen Hut mit, also gehen wir nicht weiter zu den Gräbern, sondern zurück zur Straßenbahnstation und fahren mit der 71er-Bim weiter zum Schottentor. Es folgt eine erste Stärkung am Würstelstand. Ottakringer und Käsekrainer. „Würstelstandmuseum“ nennen wir es, um im „Lange Nacht“-Groove zu bleiben.

Besuch bei der Kriegsmarine

Zu Fuß spazieren wir zum k.u.k. Kriegsmarine Archiv in der Schwarzspanierstraße. Wir stellen uns die Sammlung, die sich der einst recht großen Kriegs- und Handelsmarine widmet und normalerweise nicht öffentlich zugänglich ist, recht skurril vor und werden nicht enttäuscht. Ein paar Männer, die mehrheitlich Uniform tragen und vor allem Marinehistoriker und Schiffsmodellbauer sind, wie wir erfahren, prosten einander freundlich zu und irgendwie erinnert mich alles ein wenig an ein Offizierscasino, auch wenn ich noch nie in einem war.

Einer der Hausherren führt uns ein wenig zwischen den Exponaten herum. Wir löchern ihn mit allerlei Fragen zu den nachgebauten Kriegsmarineschiffen, zu den ausgestellten Uniformen, zum Leben der Mannschaften an Bord – und natürlich interessiert mich besonders, wie man dazu kommt, sich so intensiv mit genau diesem Thema zu beschäftigen. Das Archiv ist mein liebstes Schmankerl, weil ich mir einfach gerne Dinge anschaue, die man nicht ständig zu sehen bekommt. Hier bietet die Lange Nacht echt so einiges.

Die Luft ist dünn im „Narrenturm“

Irgendwann verlassen wir diese kleine, ganz eigene Welt im dritten Stock eines Wohnhauses aber wieder und ziehen weiter zum „Narrenturm“, dem pathalogisch-anatomischen Museum im Alten AKH, das nur ein paar Straßen entfernt ist. Stockwerk für Stockwerk schieben wir uns inmitten der Menschenmassen an sämtlichen Exponaten vorbei und die sind natürlich alles andere als schön. Das Bild eines Mannes mit drei Penissen ist mit Abstand das Harmloseste, was wir hier zu sehen bekommen. Irgendwann erwischt mich der Drehwurm, ich bin ständig versucht, in die falsche Richtung zu laufen, die Luft wird immer dünner und am Ende sind wir heilfroh, als wir endlich frische Luft einatmen können. Drinnen darf man leider keine Fotos machen, aber das ist vermutlich eh besser für euch.

Eine Pause halten wir für dringend notwendig, also gibt’s wieder Bier am Würstelstand und dazu noch einen Schnaps zur Magenberuhigung.

Leider kein Highlight: das Funkhaus

Jetzt bleibt uns nur noch eine Stunde bis Mitternacht und inzwischen ist selbst mir klar geworden, dass wir nicht einmal mehr ansatzweise alle Museen von meiner Liste schaffen werden. Unsere Entscheidung fällt auf das ORF Funkhaus. Zwischendurch fährt uns noch die alte Bim vor der Nase davon, die letzte Chance in dieser Nacht, aber gut. Schlimmer ist, dass sich leider ausgerechnet das Funkhaus als ziemliche Enttäuschung erweist.

Wir hatten einen Rundgang durch die Räumlichkeiten erhofft, dürfen stattdessen aber nur zwischen der „Radio Wien“- und der „Ö1“-Führung wählen. Es wird „Radio Wien“ und wir verbringen die kommenden 25 Minuten im Produktionsstudio, wo uns der sehr sympathische Mitarbeiter erklärt, was er hier so macht und wie eine Sendung entsteht. Dann nehmen wir wieder die Treppe nach unten und unser Guide wirkt schon eine Spur zu genervt dafür, dass mit den Führungen noch nicht ganz Schluss ist. Liebes Funkhaus, das wäre besser gegangen und das wäre auch notwendig gewesen, denn wir mögen das Funkhaus wirklich gerne.

Nachts in der Bibliothek

Noch halten wir uns wacker auf den Beinen und finden, dass wir am Ende ein richtiges Highlight brauchen. Wir schwanken zwischen Naturhistorischem Museum und Nationalbibliothek und landen schließlich im barocken Prunksaal der Nationalbibliothek. Fasziniert laufen wir durch durch die hohen Räume, immer den Blick nach oben auf die prunkvoll bemalte Decke gerichtet.

Umgeben sind wir von 200.000 alten Büchern, die ich natürlich alle gerne in die Hand nehmen würde und es leider nicht darf. Darunter übrigens auch Prinz Eugens Privatbibliothek mit ganzen 15.000 Stück. In der Mitte des Saales gibt die Statue des römisch-deutschen Kaisers Karl VI. ein schönes Fotomotiv ab, ansonsten zieht mich die Freimauerer-Ausstellung, die aktuell im Prunksaal zu sehen ist, komplett in ihren Bann. Und geradezu fantastisch ist die Stille.

Ich laufe von Vitrine zu Vitrine und rede irgendwann nur noch davon, dass es vielleicht richtig cool wäre, Freimauererin zu werden. Und ob das Frauen eh werden dürfen, weil es ja total diskriminierend wäre, wenn nicht. Dann erfahre ich, dass Josephine Baker auch dazu gehört hat, und das beflügelt mich zusätzlich. Es ist kurz vor Eins, gleich endet die Lange Nacht und wir finden, dass wir sie verdammt gut ausgekostet haben, als er mich endlich von der letzten Vitrine wegzieht. „Komm, ich glaub, wir brauchen ein Bier“, sagt er und lacht. Und das machen wir dann auch.

 

 

 

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2 Gedanken zu „Eine sehr lange Nacht der Museen“

  1. Könnte mir dich als FreimaurerIn gut vorstellen. Gründest halt eine eigene Loge, da kannst dann gleich deine eigenen Regeln aufstellen. Würde doch passen, oder?
    Nachdem wir den ganzen Tag auf der Apropos Pferd verbracht habe, war es bei uns heuer nichts mit der langen Nacht der Museen. Aber Dank deines Beitrags hab ich sie ja doch nicht ganz ausgelassen.

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