Aus einem fernen Land – der umgekehrte Kulturschock

Unzählige Tipps haben sie mir mit auf den Weg gegeben. „Du fliegst zum ersten Mal so weit weg und dann gleich nach Nordindien? Na bumm“, haben sie gesagt. Sie haben mir Reiseführer geschenkt oder geborgt. Darunter ein wirklich lesenswertes Buch mit dem Titel „Kulturschock Indien“. Nur vor einem haben sie mich nicht gewarnt: vor dem Kulturschock Österreich.

Zwei Wochen Indien. Frankfurt – Delhi – Frankfurt. 14 Tage Rajasthan. Fast täglich ein neues Quartier in einer neuen Stadt. Eine Reisegruppe. 35 Menschen. 32 Deutsche, eine Chilenin und zwei Österreicher. Ein zurückhaltendes „Schau ma mal“ am Anfang, große Liebe am Ende. Was die Gruppe und das Land betrifft. Dass beide wunderbar sind, sollte sich sehr bald herausstellen.

_mg_0079_ c Sabine KarrerWie viel Mut in mir steckt, übrigens auch. Elefantenreiten. Dromedarreiten. Rikschafahren. Tuktukfahren. Jeepfahren. Der Wahnsinnige, der direkt vor meinem Appartement mit einem Gewehr herum geballert hat (angeblich wegen der Affen, hat man mir später gesagt; das hätte man vielleicht vorher tun sollen…). In der letzten Reihe des Reisebusses sitzen und mit aufgerissenen Augen auf die fünfspurige Autobahn starren, auf der wir gerade zurück schieben. Auf der uns unter anderem zwei Fahrradfahrer überholen. Auf der Autobahn, ich wiederhole es zur Sicherheit. Der erste Schritt vom Gehsteig auf die befahrene Straße: eine Mutprobe. Zebrastreifen gibt’s zwar teilweise, aber ohne viel Sinn. Was wohl Inder über die Begegnungszone Mariahilfer Straße denken? Ich vermute, sie lachen schallend. Hier ist alles Begegnungszone. Ein Mopedfahrer rast auf mich zu. Ich laufe nicht. Bloß keine schnellen, unkontrollierten Bewegungen. Ich schließe die Augen und gehe weiter. Er fährt um mich herum. So ist das hier. „Wenn sich jemand nicht mehr lebendig fühlt, sollte er nach Indien fliegen“, schmunzle ich, als ich die andere Seite erreiche – mit schweißnassen Händen, aber wenigstens mit aufrechtem Puls. Am letzten Tag überqueren wir in Delhi noch ein paar letzte Straßen. Einfach so, weil wir es (jetzt) können. Gut, und um einen Masala-Veggie-Burger beim indischen McDonald’s zu probieren. Muss sein. Ob die auch nach Wien liefern?

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Vor dem „Kulturschock Indien“ haben sie mich also gewarnt. Was mich in Wien erwarten würde, wusste ich dagegen nicht. Mir geht es schon am Flughafen Frankfurt gegen den Strich, dass ich plötzlich wieder verstehen kann, wie viel verbaler Schwachsinn die Atmosphäre vergiftet.

_mg_2727_ c Sabine KarrerDann in Wien: Die grantigen Gesichter in der U-Bahn. Die gewaltige Unzufriedenheit mit sich und der Welt. Die fast schon bedrohliche Stille, der weitgehend das Leben fehlt. Ich vermisse das ständige Hupen auf den Straßen, so absurd das klingt. Ich vermisse das Lachen, das Spontane, das Unaufgeräumte. Vor allem vermisse ich, dass alles „no problem“ ist. „Sie haben einen Gecko am Zimmer? No problem!“ (Nicht meiner, ich steh‘ auf Geckos. ;)) „Das Licht am Jeep funktioniert nur, indem man das eine nackte Kabel an das andere hält? Na dann… No problem!“ „Am Mauthäuschen verlangen sie zu viel Bestechungsgeld? No problem, dann schieben wir halt mitten auf der Autobahn zurück.“ „Der Zug verspätet sich um 40 Minuten? No problem, warten wir eben.“ „Eine Kuh steht auf der Straße und säugt dabei vielleicht sogar ihr Kalb? No problem, fahren wir einfach drumherum.“

Als wir nach zwei Wochen im Flugzeug zurück nach Muscat sitzen, wo wir einen Zwischenstopp einlegen, stößt mich die Stewardess versehentlich und entschuldigt sich. Mit einem breiten Grinsen sage ich: „No problem.“ Da weiß ich: Ein wenig Indien steckt jetzt auch in mir.

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Und als ich heute zum ersten Mal nach Wochen mit Autobus und U-Bahn quer durch meine Heimatstadt fahre, möchte ich diese zwei Worte laut hinaus schreien. In dem Moment, als ich nach Wochen wieder am Wiener Hauptbahnhof stehe, zwischen all den zumindest vorübergehend hier gestrandeten Flüchtlingen/Vertriebenen, sogar noch lauter. Jenen ins Gesicht, die angesichts dessen, was diese Menschen durchmachen, noch immer unzufrieden sind. Denen, die bei den Gemeinderatswahlen gerade erst die rechte FPÖ gewählt haben, um diesen Menschen auch noch ihren letzten Strohhalm wegzunehmen. Aus Angst, diese Menschen könnten ihnen irgendetwas wegnehmen. Ich habe zwei Wochen lang wirklich viel „Elend“ gesehen, aber das hier trifft mich noch viel mehr. Denn wir befinden uns in einem reichen Land, Menschen sollten nicht in einer kalten Bahnhofshalle oder im Zelt unter der Unterführung schlafen müssen. Freiwillige sollten nicht alleine dafür verantwortlich sein müssen, dass diese Menschen etwas Warmes zum Anziehen und im Bauch haben.

Ich mache also weiterhin, was ich schon vor meiner Indienreise gemacht habe: Das, was eben geht, damit diese Stadt für mich und andere lebenswert bleibt. No problem. Aber sollte jemand ein Buch mit dem Titel „Kulturschock Wien/Österreich/Europa“ haben: Hier wäre eine dankbare Abnehmerin.

_mg_1078_ c Sabine Karrer

 

Hier gibt’s ein paar Fotostrecken: sabinekarrer.at/fotos/nordindien

Und hier lest ihr erste Eindrücke von der Reise: stadtlebenwien.at/verliebt-in-nordindien

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2 Gedanken zu „Aus einem fernen Land – der umgekehrte Kulturschock“

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