Es ist so eine Sache mit der Scham

Die Frau, die du mehr oder weniger nur vom Sehen und Grüßen kennst, sagt: „Du hast ja viel abgenommen, toll. Jetzt noch fünf Kilo, dann ist es perfekt.“ Sie weiß nicht, was du seit Monaten durchgemacht hast, um 15 Kilo abzuspecken. Die Essstörungen, die Kreislaufzusammenbrüche, das ständige Kalorienzählen, der Kontrollzwang, all die negativen Gedanken, weil sich alles nur noch ums Essen dreht, die Frage, ob du jemals ein völlig normales Verhältnis zu Lebensmitteln haben wirst. Und seien wir ehrlich: Es interessiert sie auch nicht, so wie es die meisten nicht interessiert.

Der sehr entfernte, stark auf die 70 zugehende – aber Typ Berufsjugendlicher – Bekannte im Bus. Er fragt, wohin du fährst, mustert dich von oben bis unten und denkt, die Antwort selbst geben zu müssen: „Ins Fitnessstudio nicht, gell?“

Der Kerl, der vor dem Zelt am Kirtag steht und, als du gerade herauskommst, zu seinen Freunden meint: „Jetzt ist endlich wieder Platz.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht dich gemeint hat, sondern einfach die Tatsache, dass gleich eine ganze Gruppe das Zelt verlässt, ist groß. Aber du beziehst die Aussage auf dich und bist den restlichen Abend schlecht drauf.

Die ständige Anerkennung dafür, dass du abgenommen hast. Sie spornt dich an, deinen inzwischen mehr als ungesunden Lebenswandel weiterzuführen, und steigert deine Unsicherheit gleichzeitig ins Unermessliche. Lieber den Pulli zwei Nummern größer kaufen, dann sagt auch keiner was. Du kannst es nicht mehr hören, aber du fühlst dich dem ausgeliefert. Immer und überall.

Der ganze Spaß, um den du dich jemals gebracht hast, weil du dir eingeredet hast, dass du zu dick dafür bist. Fürs Schwimmen, fürs Partymachen, paradoxerweise für Sport (vor anderen), fürs Essen (vor anderen). Alles kostet Überwindung, hinter jedem Blick könnte ein persönlicher Angriff lauern.

Die alten Fotos, die du dir hin und wieder anschaust, um festzustellen, dass du damals eine vollkommen normale Figur hattest. Die Erinnerung daran, wie unendlich fett du dich gefühlt hast.

Der Kerl, der dir lange Blicke zuwirft. Du drehst dich um, um nachzuschauen, welche attraktive Frau da hinter dir steht. Weil es ja nicht anders sein kann, als dass er gar nicht dich meint.

Die ganzen Typen, die dir sagen, dass du gut aussiehst. Die Typen, die ganz offensichtlich scharf auf dich sind. Es fällt dir schwer, ihnen zu glauben.

Der Mann, der das Licht im Schlafzimmer gerne dimmt. Du möchtest ihn fragen, ob er deinen Anblick sonst nicht erträgt, aber du traust dich nicht, denn er könnte ja antworten, dass er dich tatsächlich lieber nur spürt als dich anzusehen. Vielleicht ist er aber auch einfach nur scharf auf dich und hat eben das Licht gerne gedimmt.

Die Blind Dates, zu denen du gehst und jedes Mal hoffst, dass sich dein Gegenüber nach dem Begrüßen nicht gleich wieder umdreht. Ist natürlich nie passiert, aber solltest du vorsichtshalber nicht doch besser absagen?

Du würdest nie einen kürzeren Rock und ein ausgeschnittenes T-Shirt gemeinsam tragen, höchstens vielleicht mal ein Teil davon. Selbst bei größter Hitze müssen es Jeans sein. Bloß nicht zu viel zeigen. Auf eine Jacke verzichtest du bei solchen Temperaturen gerade noch, aber du trägst sie in deiner Tasche mit. Sicher ist sicher, beim ersten Anflug von Unsicherheit könntest du dich dann darunter verstecken. Ein Sommerkleid? Fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Essstörungen hast du inzwischen überwunden (so weit man sowas jemals ganz überwinden kann), was dich ein Stück weit stolz macht. Jede Diät war verdammt hart, aber das hier war rückblickend betrachtet das Härteste. (Keine Sorge, das ist keine „Ich hab’s geschafft, also kann es jeder schaffen“-Geschichte, ich hasse sowas. Aber es ist einfach schlimm, wie leicht man in sowas hineinschlittern kann und wie schwer man dann wieder herauskommt, wenn überhaupt.) Manchmal sprichst du sogar darüber, auch wenn es für dich immer noch ein unangenehmes Thema ist. Du bestellst Pizza, Schnitzel oder Eis, ohne dir verfressen vorzukommen. Du gehst schwimmen. Du baust nach und nach ein normales Verhältnis zu deinem Körper auf.

Du verlässt die Wohnung heute bei 35 Grad in Rock und Shirt. Beides endlich nicht mehr übergroß. Aber warum hat das kürzlich in der Umkleidekabine noch besser ausgesehen als jetzt beim (zugegebenermaßen sehr kritischen) Blick in den (viel zu grell beleuchteten) Aufzugspiegel? Welcher Spiegel sagt denn nun die Wahrheit, wie sehen dich die Menschen da draußen? Am liebsten würdest du nochmal zurück gehen und dich umziehen. Alte Gewohnheit. Du kehrst aber nicht um und bist froh, dass du über das Kleidungsdilemma schon nicht mehr groß nachdenkst, als du endlich im Bus sitzt. Aber du befürchtest, dass ein dummer Blick, ein dummer Kommentar das nach wie vor ändern könnte. Du weißt, dass du daran weiter arbeiten musst, aber es war ein langer Weg bis hierher und er ist noch nicht zu Ende. Vielleicht wird er das nie sein.

Es gäbe unendlich viele weitere Beispiele vor allem aus Kindheits- und Jugendjahren. Vieles wirkt lange nach, wenn nicht sogar für immer. Manche trampeln auf deinen Unsicherheiten herum und kapieren oft nicht mal, was ihre Blicke und Kommentare dauerhaft anrichten können. Du weißt es sehr gut. Du würdest noch nicht einmal jemanden fragen, ob er oder sie abgenommen hat. Nicht, weil die Aussage grundsätzlich schlimm wäre, aber weil du weißt, wie du selbst sie interpretierst („Früher warst du schon sehr dick“). Ein Kompliment mit schalem Beigeschmack.

Es ist erschreckend, wie viele Menschen, nach Außen hin selbstbewusst, super Ausstrahlung, sich an vermeintlichen Makeln aufhängen, die ihnen irgendjemand irgendwann eingeredet hat, oft noch nicht einmal in böser Absicht. Zu dünn, zu dick, zu klein, zu groß, zu blass, zu wenige Haare, zu viele Haare, Pigmentflecken, Schlupflider, Zahnlücke, immer vergleichen wir uns mit den vermeintlich Perfekten. Dabei ist doch eines sicher: Es gibt jede Menge Menschen, denen du genau so gefällst, wie du bist, und den meisten ist dein Aussehen höchstwahrscheinlich sogar völlig egal. Aber Bodyshaming ist tief verwurzelt. In uns und in der Gesellschaft, deren Teil wir sind. Gut, dass wir zumindest endlich darüber reden.

* Und jetzt, wo ich nur noch auf die „Veröffentlichen“-Taste klicken muss, ziere ich mich pötzlich. Ist es lächerlich, was ich hier schreibe? Zu persönlich? Tränendrüsengeschichte? Peinlich? Wird’s blöde Kommentare geben? Wurde Ähnliches nicht ohnehin schon hunderte Male geschrieben? Hänge ich mich an was dran, was andere längst gestartet haben, und ist das richtig? Sagen wir so: Das hier ist lediglich mein bescheidener Beitrag dazu aus meiner ganz persönlichen Sicht und die Welt wird es verkraften. Ich werde es auch.

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5 Gedanken zu „Es ist so eine Sache mit der Scham“

  1. Nobody is perfect! Weil es den perfekten Menschen nicht gibt, nie gegeben hat. Weil jeder Mensch eine ganz individuelle, wunderbare Schöpfung ist. Wenn das in den Köpfen ist, ließe dies das Selbstbewußtsein sicher schnell wachsen.

    1. Da hast du Recht. Uns wird natürlich oft vorgegaukelt, so manch anderer wäre perfekt, aber es sollte einem irgendwann bewusst werden, dass das meistens gar nicht der Fall ist. Beziehungsweise sollte uns das am besten egal sein. Wäre schön, wenn sich jeder in seiner Haut wohl fühlen könnte.

  2. Mir gehen diese Studien voll auf die Nerven, in welchen angeblich wissenschaftlich bewiesen wird, das nur „symmetrisch gebaute“ Menschen, ja, schlank sollen die auch noch sein, als schön empfunden werden. Angeblich sollen diese auch beruflich leichter erfolgreich sein. Nicht einmal in sogenannten Qualitätszeitungen bleibt man davon verschont. Und dann sehe ich mir die Menschen an, die mir so über den Weg laufen.
    Es sind solche dabei, welche nach unserem gesellschaftlichen Empfinden erfolgreich sind und solche, die eben nicht so erfolgreich sind. Zufriedenheit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Lebensweg ist da und dort zu finden. Das, was angeblich schön oder weniger schön ist, findet sich auch in allen Gruppen. Sieht man in einer der Qualitätszeitungen die Fotos im Karriereteil an, sieht man die verschiedensten Gesichtstypen. Sind die alle standardisiert schön? Sind sie eher nicht, nicht einmal symmetrisch. Also kommt es im Endeffekt doch auf andere Fähigkeiten und Werte an.Die letzte Woche in einem Urlaubsort. Hotels aller Preisklassen, Privatzimmer, Campingplätze, Appartements einfach bis luxuriös. Die Menschen bunt gemischt, Outfit sorgfältig zusammengestellt bis zu einfach bequem, die meisten zu zweit oder in Gruppen. Wer sollte da beurteilen was wem passt, wer wen als schön empfindet? Es scheint so egal, es ist auch egal und die meisten Menschen hier nehmen sich das Recht, dass es Ihnen egal ist. Sie sind einfach zusammen. Da sitzt der Waschbrettbauch neben dem weichem runden Bäuchlein und beide lassen sich einen riesigen Eiscoup schmecken und haben Spaß miteinander und mögen sich sichtlich sehr gerne. Dieses und viele andere sind die Ergebnisse meiner privaten und auch nicht sehr wissenschaftlichen Studie. Und solche Studienergebnisse lassen sich jederzeit finden. Und: Nobody is perfect und auch nicht für alle interessant. Na und? Es wäre ohnehin viel zu anstrengend. Und diese Studien über die ach so schönen Menschen? Ab ins Altpapier. Lassen wir uns einfach finden, von jenen Menschen, die mit uns etwas anzufangen wissen, egal wie wir aussehen und suchen wir jene, mit denen wir etwas anzufangen wissen, egal wie sie aussehen. Die Ergebnisse sind oft überraschend und schön, obwohl, der Norm nach…egal… mit ihnen zusammen zu sein ist einfach schön.

    1. Gewagte Theorie: Vielleicht hilft einfach Selbstbewusstsein auch ein Stück weit dabei, beruflich aufzusteigen. Nicht immer, aber mitunter auch? Wer selbstbewusst wirkt oder gar ist, tut sich möglicherweise generell ein bisschen leichter. Aber wie gesagt, ist nur eine Theorie, die ich gerade aufstelle. Ansonsten: Waschbrettbauch und rundes Bäuchlein beim gemeinsamen Eis, das ist ein schönes Bild! 🙂

  3. Es ist dein Blog.
    Es sind deine Gefühle.
    Schreib, was dir auf der Seele brennt.
    Andere, denen es genau so geht, können das vielleicht nicht.
    Denn du bist sicher nicht allein. Und mit jedem, der diesen
    Text liest, wird das Bewusstsein weiter getragen.
    Danke für den Text.

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