Donaustädter Höhenrausch

Es hätte eine wunderbare Liebesgeschichte werden können, diese Sache zwischen dem DC Tower auf der Wiener Donauplatte und mir. Als Kaisermühlnerin habe ich den Bau des höchsten Gebäudes des Landes natürlich hautnah verfolgt. Das war gar nicht anders möglich, denn fast täglich ist der „Große“ 2011 um ein weiteres Stück gewachsen. Hochgezogen in Windeseile. Und dann durfte ich rauf auf die Baustelle …

Ende 2011 sind dann die ersten Pressefotos aus rund 200 Metern Höhe aufgetaucht. Ich verpasse solche Pressetermine ja fast immer. „Was zum Teufel muss man eigentlich tun, um auch auf den DC Tower zu kommen?“ habe ich also sinngemäß auf meiner Facebook-Seite dahin gerotzt. Kurz darauf habe ich bei einer Veranstaltung Bezirksvorsteher Norbert Scheed getroffen, den ich glücklicherweise kennenlernen durfte, wenn unsere Bekanntschaft auch leider nur von kurzer Dauer sein sollte. Norbert hat mich ganz unerwartet mit der Frage konfrontiert: „Du hast ja auf Facebook gemeint, du würdest gerne auf die DC-Tower-Baustelle fahren. Wir haben dort demnächst einen Termin und noch einen Platz frei. Willst du mitkommen?“

Klar wollte ich! Also bin ich Mitte Jänner 2012 zum allgemeinen Treffpunkt erschienen. Was ich tun musste? Meinen Helm aufsetzen (Sicherheit geht vor Schönheit ;)), den anderen folgen, beim Anblick des Außenaufzuges (Mit Löchern drinnen! Überall, auch unten. Und ich hab ja Höhenangst…) nicht den Mut verlieren (so verkrampft bin ich noch nie zuvor in einem Aufzug gestanden) und oben nicht über Kabel und andere Hindernisse stolpern. (Dass ich dann doch auf einer Eisplatte ausgerutscht und ein Stück dahin geschlittert bin, ich eine andere Geschichte …)

c Sabine Karrer
c Sabine Karrer

König(in) der Welt

Da bin ich also gestanden, mit dem Rücken zur Wand, habe skeptisch um mich geschaut und die einfachen Holzbretter wahrgenommen, die einen Sturz aus 56 oder 57 Stockwerken vermutlich nicht unbedingt hätten verhindern können. Ich habe beobachtet, wie andere aus unserer Gruppe sich längst an den vermeintlich tödlichen Abgrund heran getraut haben. Irgendwer hat mich dann einfach an der Hand genommen und mich ein Stück näher an das „Geländer“ geführt. Hallo, Höhenrausch!

Dann stehst du plötzlich über allem, ignorierst das leichte Schwindelgefühl, schaust über die ganze Stadt und fühlst dich ein wenig wie der König der Welt (echt jetzt, nur ohne Jack, Meer und Eisberge). So ruhig und klein, aber gleichzeitig so mächtig hatte sich mir die Stadt noch nie zuvor präsentiert. Fotografiert habe ich wie eine Wilde. Ich wusste ja, dass sich mir diese Gelegenheit nie wieder bieten würde. Außerdem hilft der Blick durch die Kamera ungemein gegen diverse Phobien. Als „Kamerakind“ wirkt alles ein bisschen weniger beängstigend, zumindest mir geht es so.

Norbert hat mir dann erzählt, welchen Weg der Kranführer jedes Mal auf sich nehmen muss, um in seine Krankabine zu gelangen. (Über dieses Gerüst kraxeln? Never ever.) Und dass dieser hoffentlich höhenangstfreie Mann nach Fertigstellung des Turms seinen Ruhestand genießen wird. „Ich würde nach so einem Auftrag auch in Pension gehen wollen“, habe ich gelacht.

Wie ein riesiger Spielplatz

Ist man einmal fast auf der Spitze dieses Donaustädter Riesen gewesen, so frei, fast ungeschützt, in Kälte und Wind, umgeben von dieser unendlichen Ruhe, fast wie auf einem riesigen Spielplatz, dann hofft man, dieses Gefühl für immer festhalten zu können. Umso mehr habe ich auf die Besucherterrasse gebaut, die mich dann leider mit ihrem Aquarium-Style ohne Panorama-Blick ein wenig enttäuschen sollte.

Das Gefühl, das ich dort oben gehabt habe, das konnte ich aber tatsächlich bewahren. Während ich diesen Text schreibe, ist es plötzlich wieder da. Auch drei Jahre danach. Und wenn in Wien das nächste höchste Gebäude errichtet wird, will ich da auch rauf. Einmal Höhenrausch, immer Höhenrausch.

 

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