Warum eine digitale Pause manchmal notwendig wird

Seit vier Stunden habe ich nichts auf Facebook gepostet oder kommentiert. Obwohl ich vor meinem Rechner sitze und grundsätzlich online bin. Meine letzte Nachricht: „So, es reicht mal wieder. Wer will, kann mich ja anrufen.“ Bei manchen wird es daran scheitern, dass sie meine Nummer nicht haben. Den meisten wird es schlichtweg egal sein. Was bei hunderten Facebook-Freunden okay ist, sehr viele von euch kennen mich nicht einmal besonders gut.

Lange werde ich die Pause kaum durchhalten. Das ist auch denkbar schwierig, wenn man beruflich die eine oder andere Seite betreut. Aber abseits davon: Von zig Postings täglich auf null? Auch schwierig. Zumal ich euch so gerne so viel mitteilen will, worüber ich den ganzen Tag so stolpere. Und ein wenig helfen mir soziale Medien wohl auch darüber hinweg, dass ich im Gegensatz zu den meisten von euch keine Arbeitskollegen habe. Mein Arbeitsplatz ist mein Wohnzimmertisch und meistens ist das gut so. Oft aber eben auch nicht.

„Wollen Sie sich sicher abmelden?“ – „Ja, ganz sicher. Tschüß, Twitter.“

Am Sonntagabend hatte ich schon mal kurz die Schnauze voll von Twitter. Nachdem angesichts des Wahlergebnisses ein Rechtsextremist nach dem anderen aus seinem Loch hervorgekrochen kam, ich einen nach dem anderen blocken und den Mist davor ja auch noch lesen musste, sah ich plötzlich ganz deutlich den „Abmelden“-Button vor mir. Ein Akt der Verzweiflung, wenn man so will. „Wollen Sie sich sicher abmelden?“ – „Ja, ganz sicher. Tschüß, Twitter.“ Naja, zumindest für ein paar Stunden.

Jetzt eben ein Facebook-Päuschen. Warum hier? Weil das alles verdammt an die Substanz geht. Weil ich seit Tagen mit Linken streite, warum sie nicht alles tun wollen, um einen rechten Bundespräsidenten zu verhindern. Weil ich seit Tagen mit Rechten streite, warum sie gegen Menschen treten und hetzen, die eigentlich unseren Schutz brauchen. Weil ich mit Leuten streite, die sich selbst nicht mal als rechts bezeichnen würden, aber ganz offen rechtes Gedankengut vertreten. Weil ich mir schon seit Wochen den Mund fusselig rede, um Leuten klar zu machen, dass dieser FPÖ-Bundespräsidentschaftskandidat eben KEIN „gemäßigter Rechter“ ist. Weil ich versuche zu verstehen – und es einfach nicht kann. Weil ich das alles nicht mehr verstehen kann.

Wenn sich selbst Menschen, die eigentlich Ähnliches wollen, untereinander zerstreiten, was soll das dann noch? Wenn das alles nicht einmal vor meiner eigenen Facebook-Pinnwand, quasi vor meinem digitalen Wohnzimmer, Halt macht? Wenn ich lieber selbst gehe, als einzugreifen? Sicher könnte ich ein Machtwort sprechen, ich habe aber keine Lust und irgendwie auch keine Kraft mehr, ständig irgendetwas zwischen Prellbock und Gouvernante zu spielen. Weil im Grunde auch einfach niemand daran denkt, wie es mir dabei geht. Sicher könnte ich mich entfreunden, ich will aber nicht. Weil mir jeder einzelne von denen, die sich hier befetzen, auf seine Art wichtig ist. Weil ich es wichtig finde, von unterschiedlichen Standpunkten aus über Themen diskutieren zu dürfen. Sachlich, versteht sich. Das heißt doch nicht, dass man nicht zu seinen Überzeugungen stehen soll. Ich finde sogar, in Zeiten wie diesen MUSS man das. Aber mit Gewalt (und auch Sprache kann Gewalt sein) lassen sich keine Probleme lösen.

Wir haben Kontakt mit so vielen Menschen wie noch nie und sind dabei vielleicht auch so einsam wie noch nie.

Ausreden lassen sich Dinge doch am besten in Ruhe. Mit Zuhören und so. Irgendwann haben wir das anscheinend verlernt und soziale Medien verstärken das zusätzlich. (Ich nehme mich selbst keinesfalls aus.) Es gab eine Zeit, da haben wir einander noch angerufen. Wir haben gefragt, wie sich das Gegenüber fühlt, statt anhand von ein paar Selfies, Essensfotos, Witzbildchen und dem Beziehungsstatus zu interpretieren, dass es dem anderen eh ur super geht. In jedem Fall nämlich superer als uns selbst. Wir haben Kontakt mit so vielen Menschen wie noch nie und sind dabei vielleicht auch so einsam wie noch nie. Selten habe ich es mehr geschätzt, mich mit Freunden und Bekannten in langen Telefonaten, Emails und Nachrichten auszutauschen. Ganz abgesehen vom persönlichen Treffen. Nichts ersetzt ein gemeinsames Bier.

Ja, meine Nerven liegen derzeit blank. Wenn wir uns gegenseitig beflegeln, zerstreiten, beschimpfen, dann macht manches wirklich keinen Sinn mehr. Die „anderen“ haben ein gemeinsames Feindbild. Wir haben offenbar ein bisschen auch uns gegenseitig als Feinbilder. Das trennt uns und stärkt die anderen. Demo gut? Demo schlecht? Zu links? Zu wenig links? Antifaschistisch genug? Zu wenig meiner Meinung? Zu blöd? Zu intellektuell? Vielleicht am Ende nur falsch eingeschätzt, weil nicht zugehört? Mit Verlaub: Das ist ziemlich bescheuert.

Ihr müsst euch halt damit abfinden, dass ich auch weiterhin nicht nur Katzenfotos posten werde.

So, jetzt sind es schon sechs Stunden. Ich werde kurz unterbrechen und diesen Blogpost teilen. Und hoffen, dass er bei allen richtig ankommt. Wenn nicht, kann sich ja jeder gerne bei mir melden. Meine Email-Adresse steht im Impressum. Nachrichten kann man mir weiterhin über den Messenger schicken. Man kann auch einfach warten, bis ich – abgesehen von dem hier – wieder den einen oder anderen Mucks von mir gebe. Wer keinen Bock hat, mir zuzuhören, muss halt gehen. Kann ich nicht verhindern. Allerdings täte mir das leid. Ihr müsst euch halt damit abfinden, dass ich auch weiterhin nicht nur Katzenfotos posten werde. Und es für mich in Zukunft vielleicht kein Tabu mehr sein wird, den einen oder anderen Beitrag wieder zu löschen, wenn es in die für mich falsche Richtung geht.

Angerufen hat bis jetzt übrigens niemand.

 

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