Long story… das perfekte Date-Lokal in Wien

Alte Regel: Nur, weil du mehr Zeit für eine Aufgabe hast, bedeutet das nicht, dass du sie besser erledigst. Meistens wird es sogar mühsamer und dauert viel länger. Das Wort „mühsam“ können wir in diesem Zusammenhang gleich wieder streichen, das stimmt so nicht. Ich würde eher „etwas kompliziert“ dazu sagen. Das trifft aber vermutlich mehr auf mich als auf die Aufgabe zu. Aber stellt euch einfach einmal vor, ihr hättet in fünfeinhalb Wochen ein Date. Lange Geschichte, schlechtes Timing, aber abgemacht ist abgemacht. Glücklicherweise ist das so und nach dem Ablauf der fünfeinhalb Wochen immer noch. Ist ja auch nicht selbstverständlich. Irgendwie ist es das dritte Date, aber ich betrachte es als das erste. Auch lange Geschichte. Sympathischer Kerl.

Aus Gründen bin ich für die Auswahl des Lokals zuständig. Und weil es zu meinem Beruf gehört, gründlich zu recherchieren, mache ich genau das. Ich strenge meine Gehirnzellen an, frage andere nach Tipps und Ideen. Lokale kenne ich in Wien genügend, aber wenn man mich spontan nach einem passenden fragt, fällt mir meistens nichts ein. Ich denke sofort an das süße, kleine Lokal am Karmeliterplatz, das zufällig mein Stammlokal ist. Gemütlich, ein bisschen romantisch und doch nicht kitschig, netter Schanigarten. Aber eben mein Stammlokal. Wann immer ich dort bin, bleibe ich nicht lange alleine. Für ein Date ist das jetzt nicht unbedingt so toll. „Hach, ich kenne ja das perfekte Lokal, aber da sitzen wir definitiv nicht nur zu Zweit und ehrlich gesagt, total egoistisch jetzt, ich würde mich wahnsinnig gerne nur mit dir unterhalten“, schreibe ich ihm. Karmeliterplatz vertagt auf ein anderes Mal. Ich seufze und streiche es wieder von meiner Liste.

Die Date-Lokal-Liste

Ja, ich habe eine Liste erstellt. Da kommt jedes Lokal drauf, das mir geeignet vorkommt. Auch das schreibe ich ihm irgendwann. Erstaunlicherweise hält er mich nicht für einen Freak und will sich trotzdem weiterhin mit mir treffen. Die Vorfreude hat sich bei mir längst eingestellt. Eigentlich war sie von Anfang an da, aber als ich ihn nach einem Date gefragt habe (ja, ich, auch lange Geschichte), und er Ja gesagt hat, habe ich noch nicht gewusst, dass er davor noch wochenlang um die Welt reisen würde und ich die Vorfreude so lange „genießen“ müsste. Genießen? Naja, Vorfreude ist die schönste Freude, sagen die anderen doch immer. Ich finde das nicht. Ich hoffe dann immer, dass die Realität noch schöner als die Vorfreude ist. Irgendwie weiß nicht nicht genau, was dieser Spruch mir sagen will.

Aber so oder so: Ich habe noch unendlich viel Zeit, das Date-Lokal schlechthin zu finden. Und was macht man, wenn man unendlich viel Zeit hat? Sich noch mehr Gedanken. Irgendwann fange ich an, meine Freunde zu fragen, ob man beim ersten Date am besten gegenüber oder nebeneinander sitzt. Mein Freund R. sagt, im 90-Grad-Winkel. Das wäre mir jetzt nicht unbedingt eingefallen, aber ich bin erstaunt, dass er mich nicht auslacht, sondern mir sogar eine ernst gemeinte Antwort gibt. Na gut, er kennt mich lange genug.

Dieser Gedanke rückt erst einmal in den Hintergrund. Wenn ich kein Lokal finde, erübrigt sich das ohnehin. Auf Parkbänken sitzt man ganz automatisch nebeneinander. Relativ bald habe ich einige Lokale auf meiner Liste. Ich habe natürlich ein paar Kriterien: Nett und gemütlich soll es sein, geeignet für gutes wie auch für schlechtes Wetter, wenn möglich mit Raucherbereich, aber guter Lüftung. Ja ja eh, aber ich weiß, dass ich nervös sein werde, und dann muss ich eine rauchen. Und mein nichtrauchendes Date alleine im Lokal sitzen zu lassen, kommt mir doch relativ unverschämt vor. Am Arsch der Welt sollte es übrigens auch nicht sein.

Ich tippe „Date-Lokale Wien“, „Location fürs erste Date“ und eine Reihe von viel absurderen Begriffen in die Suchmaschine. Und ich kann euch verraten: Eine wirkliche Hilfe ist mir Google nicht unbedingt. Möglicherweise verstehen andere auch nicht das Gleiche wie ich unter einem Date-Lokal. Aber die Sky-Bar? Das Ritz-Carlton? Ich bitte euch…

Essen gehen oder nur was trinken?

Wollen wir eigentlich nur auf ein Bier gehen oder auch was essen? Das sollte ich wissen, aber das will ich ihn jetzt nicht unbedingt fragen und es aber genauso wenig einfach festlegen. Ich lasse alle Lokale ausscheiden, in denen man praktisch zum Dinner gezwungen wird. Das erste Opfer ist die Segelschule Hofbauer an der Alten Donau. Speiselokal. Zwar meine erste realistische Idee, aber ein Wackelkandidat. Wirklich schön ist es draußen am Wasser, aber wer sagt, dass mir das Wetter die Freude machen wird, keine Regenwolken über uns auszuschütten. Der Mexikaner im Prater fällt auch eher flach. Ich fände einen Spaziergang schön, aber bei richtigem Sauwetter ist das dann eher ungemütlich und einfach nur auf ein Bier geht man dort glaube ich auch nicht hin. Zufällig stolpere ich über ein anscheinend extrem tolles asiatisches Lokal, das Ambiente gefällt mir. Aber: Essen. Und: Viel zu romantisch, denke ich. Den Namen habe ich inzwischen sowieso wieder vergessen. Nicht listentauglich.

Kurz sehe ich uns schon im Museumsquartier, das geht immer. Aber das kommt mir so uninspiriert vor. Ich brauche was Besonderes, auch wenn es nicht unbedingt nach „zu besonders“ ausschauen soll. Was zum Wohlfühlen, wo man sich schön unterhalten kann, vielleicht sogar mit freundlichem Personal, auch wenn ich meine Ansprüche nicht zu weit hinauf schrauben will. „Komm, ein bisschen anspruchsvoller darf es schon sein“, sage ich mir. „Dinner in the Dark“, schießt es mir ein. Und im nächsten Moment haue ich mir dafür gedanklich eine runter. Viel zu besonders, ehrlich gesagt auch viel zu teuer und ich will ihn sehen können, während wir uns besser kennenlernen. Außerdem erinnere ich mich an mein letztes Mal dort: W., M. und ich (gut, vor allem M. und ich) haben ungewollt den halben Raum unterhalten. Weil: Erstens sind die anderen Sinne wie eben das Hören recht geschärft, wenn du komplett im Dunklen sitzt, andererseits vergisst du irgendwie, dass da überhaupt noch andere Menschen sind. Weil du sie ja nicht siehst. Ich erwarte nicht, dass wir groß Süßholz raspeln werden, aber ein bisschen privater darf es dann doch sein. Eine Bekannte meinte einmal, für ein Blind Date sei die Location ganz gut geeignet, weil du mittendrin einfach unerkannt gehen oder die Augen verdrehen kannst. Aber nachdem ich mein Date schon kenne und weiß, dass man mit ihm einen feinen Abend verbringen kann, habe ich weder vor zu gehen noch die Augen zu verdrehen. Nicht einmal heimlich.

Vielleicht stattdessen ins Pub? Das 1516 habe ich in guter Erinnerung. Aber es ist meistens eher sehr voll. Das Flanaghan’s? Vielleicht. Irgendwo lese ich was von der Stadtbrauerei Schwarzenberg. Klingt auch nett, aber die kenne ich nicht. Da könnte ich auch gleich das Smokey’s am Schwedenplatz vorschlagen, das soll nett sein, aber das kenne ich genauso wenig. Und so lange fünfeinhalb Wochen auch dauern können, so blöd käme ich mir jetzt doch vor, würde ich extra losziehen und potenzielle Date-Locations testen.

Und am Ende hilft doch Google…

amerlingbeislInzwischen habe ich Bewertungen über dutzende Bars, Pubs und Restaurants gelesen. Und am Ende ist es doch Google, das sich als hilfreich erweist. Genauer gesagt: TripAdvisor. Nachdem ich unzählige meiner Kriterien eingegeben habe (das Kriterium „gemütliches Lokal fürs erste Date“ gibt es übrigens nicht, ein Fehler, wie ich finde), stoße ich auf das Amerlingbeisl am Spittelberg. Ich war länger nicht mehr da, aber ich weiß noch: Es gibt einen wahnsinnig netten Innenhof (leider wird das Wetter nicht mitspielen), aber im Lokal selbst ist es genauso fein. Auch die Kellnerin am Telefon ist sehr freundlich, als ich anrufe, um einen Platz zu reservieren. Leider nimmt sie meine Reservierung nicht entgegen, „aber für Zwei“, sagt sie, „da werden wir schon ein Plätzchen finden“.

„Soll ich dir jetzt eigentlich schon verraten, welches Lokal es wird?“, schreibe ich ihm. Die fünfeinhalb Wochen sind endlich vorbei. „Na komm, es brennt dir ja eh direkt auf der Zunge“, schreibt er zurück. Mit Zwinkersmiley. Ich schätze, er muss dabei lachen. „Ich hoffe aber, du bist ein bisschen risikofreudig, ich konnte nämlich nicht reservieren“, tippe ich in die Tastatur. „No risk no fun“, meint er. „Aber ja,werden schon ein Plätzchen finden… Und zur Not gibts ja im Museumsquartier genug Alternativen.“ Sympathisch, sag ich ja.

 

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