Das alte Ehepaar an der Bushaltestelle

In meinem „neue Blogbeiträge“-Ordner liegen aktuell so viele halbfertige Texte und Ideenschnipsel für größere Geschichten, dass eigentlich gar keine Zeit für Anekdoten bleiben dürfte. Aber manchmal sind es gerade diese vermeintlich unbedeutenden Momente, diese kleinen Begegnungen, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Für die anderen Geschichten ist später auch noch Zeit.

Spätabends an der Bushaltestelle. Nur noch ein paar Minuten bis daheim. Stöpsel in den Ohren, die Musik laut aufgedreht, in Gedanken versunken. Die vor wenigen Stunden getroffene Entscheidung, die nun nicht mehr rückgängig zu machen ist, aber sich ein bisschen nach Freiheit anfühlt. Das lange Gespräch mit einem lieben Freund darüber, was gerade in der Politik und mit der Gesellschaft passiert. Warum die Dinge sind, wie sie sind, und ob sie nicht besser ganz anders sein sollten. Was wir Einzelnen tun können, um diese Dinge zu ändern, ob wir überhaupt viel tun können.

Das alte Ehepaar, das so wie ich auf den Bus wartet, nehme ich zuerst gar nicht wahr. Bis mich die Dame offensichtlich etwas fragen will. Fast widerwillig nehme die Stöpsel aus dem Ohr, bin nicht sicher, worauf das hinaus läuft. Vielleicht Touristen, die ihr Hotel suchen. Oder so. Na gut, man will ja helfen. Die Frau lächelt, ihr Mann, der inzwischen dazu gekommen ist, sieht mich auch freundlich an. Ob ich vielleicht Feuer hätte, sie hätten *ihr* Feuerzeug nämlich verschmissen, sagt sie, während sie in ihrer Handtasche kramt und immer wieder betont, dass so ein Teil ja eigentlich nicht einfach verschwinden kann. Jetzt lächle ich auch, greife in meine Manteltasche und drücke dem Mann, der bereits die Zigarette in der Hand hält, das Feuerzeug in die Hand. Er bedankt sich, zündet den Glimmstengel an und drückt mir das Ding wieder in die Hand. Ich schaue seine Frau, die inzwischen bis auf den Grund ihrer Tasche vorgedrungen, aber nach wie vor nicht fündig geworden ist, an und frage, ob sie nicht auch Feuer braucht. „Nein danke, wir rauchen *unsere* Zigarette immer gemeinsam“, antwortet sie. Jetzt grinse ich und die beiden grinsen wie verliebte Teenager zurück, sodass es einem einfach nur warm ums Herz werden kann.

So oft ich schon über Paare, die wirklich alles zu Zweit machen, gelästert habe, aber die beiden mit *ihrer* Zigarette versüßen mir in diesem Moment den Abend. Als wir im Autobus sitzen, der uns nun alle nach Hause bringen wird, lausche ich wieder der Musik in meinem Ohr. Mein Blick fällt erneut auf die beiden und ich stelle mir vor, wie sie Abends vor dem Fernseher sitzen und ihre Finger ganz zufällig gleichzeitig in die offene Gummibärchen-Packung greifen. Dann holt er eine Flasche Wein aus der Küche, sie zünden am Balkon eine Kerze an, wickeln sich in warme Decken ein und rauchen diese eine, gemeinsame Zigarette.

* Nein, ich möchte an der Stelle bitte keine Kommentare über die Schädlichkeit des Rauchens lesen. Es ist einfach nur eine kleine, schöne Geschichte. 😉

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2 Gedanken zu „Das alte Ehepaar an der Bushaltestelle“

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