Baustellen aufräumen

Der Morgen könnte besser anfangen. Mit Elan (ich weiß nicht, woher ich den nehme, ich konnte Nachts kaum schlafen) schlinge ich einen Schal (es wird Herbst) um meinen Hals. Der Schal verfängt sich im Schmuckbäumchen auf der Kommode, Ohrgehänge, Ringe, Ketten, der Kleinkram, alles landet großflächig verstreut auf dem Schlafzimmerboden (ich sollte das endlich wegräumen). Ein ganz normaler Montagmorgen eben.

Skype-Konferenz mit Kollegen. Der Tag wird besser (tatsächlich). Wir sprechen über Journalismus. Über Möglichkeiten, Chancen, den Spaß am Job. Der Spaßfaktor leidet bei mir schon länger. Prekäre Verhältnisse, wohin man schaut. Nicht die beste Branche zur Zeit, schon gar nicht für Freie. Ich würde gerne wieder mit mehr Freude journalistisch arbeiten, so wie früher. Stattdessen mache ich immer mehr PR-Jobs. Die freuen mich inzwischen oft sogar mehr, denn die sorgen dafür, dass ich ein Dach über dem Kopf und einen vollen Kühlschrank habe, dafür, dass ich in Lokale gehen, Hobbies finanzieren und inzwischen auch einmal im Jahr in einen weit entfernten Teil der Welt reisen und in eine völlig andere Kultur eintauchen kann. Jammern auf hohem Niveau? Vielleicht. Dem Journalismus Adieu sagen und nur noch PR machen? Keine Ahnung. Was völlig Neues ausprobieren? Möglich. Ich werde sicher immer schreiben, was die Zukunft auch bringen mag. Aber in welcher Form, das ist derzeit offener als jemals zuvor in meinem Berufsleben.

Wo anfangen?

WhatsApp bimmelt. Meine Freundin Nunu. Wir sehen uns selten, wir telefonieren praktisch nie, aber wenn wir auf WhatsApp schreiben, wird es ausführlich. Und ernst. Thema: Das Leben. Veränderung. Wie sich Dinge manchmal fügen, wenn man an ein paar Schrauben dreht. Die Frage ist nur: Wo anfangen? (Und wie fest sitzen die Schrauben?) Einfacher ist es natürlich, sich abzulenken. Mit noch mehr Arbeit, mit exzessivem Fortgehen (Warum ist es wieder so spät geworden? Hab ich nach ein paar Bier sehr viel Blödsinn geredet? Was macht der Bügelverschluss made by Wieselburger an meinem Finger?). Etwas ändern? Klar. Aber was?

„Ich bin mir sicher: Kommt Zeit, kommt Rat“, schreibt Nunu. Ich habe ein paar von ihren Baustellen miterlebt und sie ein paar von meinen. Sie erzählt von ihrer Ungeduld, weil sich einfach nicht sofort etwas geändert hat. „Aber man muss durch und es kommt IMMER was Gutes raus“, meint sie. „Wird bei dir jobtechnisch auch so sein. Du merkst jetzt, dass es so nicht mehr geht, und du kannst Schritt für Schritt vorwärts gehen.“ (Wenn’s wenigstens nur jobtechnisch wäre…) Gefolgt von: „Alter Schwede, ich höre mich an wie die Ober-Eso-Tante, sorry.“ Ich lache: „Jaja, du Eso-Tante. Aber hast ja Recht.“

Mehr Entspannung sich selbst gegenüber sei gut, meint sie. In beruflichen Entscheidungen, im Job allgemein, im Sozialleben, im Beziehungsleben, auch dem eigenen Körper gegenüber. (Zu Letzterem hat Nunu übrigens einen hervorragenden Text auf ihrem Blog veröffentlicht.) So lebe es sich ungemein besser. „Es MUSS nicht alles jetzt auf gleich passieren. Und es ergibt sich viel, das einfach Sinn macht, mit der Zeit. Daran kann man gar nix ändern, egal, ob man sich stresst oder nicht.“ (Ich darf das übrigens veröffentlichen, ich hab gefragt. ;))

Vielleicht ist es wie beim Wohnungsputz

Pling. Die nächste Nachricht: „Ich bin überzeugt davon: Wenn es sich richtig anfühlt, merkt man das.“ Ja, seh ich auch so. Anders gesagt: Fühlt es sich falsch an, sollte man es ändern. (Theoretisch ist das halt immer einfacher als in der Praxis.) Dass sich im Moment gleich so einiges nicht richtig anfühlt, macht es nicht besser. Baustellen. Aber vielleicht ist es so wie beim Wohnungsputz. Ich hab den Tipp einmal bekommen und mir hilft er wirklich. Wenn du die ganze Wohnung auf einmal sauber machen willst, vom Kleiderschrank bis zum Abstellraum alles an einem Tag entrümpeln, dann wird das nicht funktionieren. Vermutlich wirst du daran verzweifeln, weil du keinen Erfolg siehst. Wenn du dir aber vornimmst, erst einmal nur das Badezimmer oder nur die Küche aufzuräumen, dann klappt das ganz gut. (Seit ich das beherzigt habe, lebe ich zumindest äußerlich nicht mehr im Chaos.)

Ich sollte endlich ins Schlafzimmer gehen und mein Schmuckbäumchen aufräumen. Stück für Stück aufheben und wieder an seinen Platz hängen, ordentlicher als davor. Was nicht mehr gefällt, kommt weg. Vielleicht ist das nicht der Weisheit letzter Schluss und vielleicht liegt ein Teil eben dieser Weisheit doch am Boden der Flasche, die hin und wieder (in letzter Zeit vielleicht zu oft) vor mir auf der Bar steht. Vielleicht finde ich einen Teil auch beim intensiven Plaudern im Stammlokal oder sonst wo. Oder am Donaukanal, beim nächtlichen Philosophieren über das Leben (danke!). Vielleicht sollte ich sogar mehr über diese seltsamen Träume nachdenken, die mich in letzter Zeit heimsuchen. (Also bis auf den gestern, da hab ich Nachts lange mit David Tennant geplaudert. Als ich aufgewacht bin, ist auf meinem Display noch immer die zweite Staffel „Broadchurch“ gelaufen. Hab leider vergessen, was wir besprochen haben, vielleicht wäre es aufschlussreich gewesen.)

„Du denkst zu viel nach“, höre ich in letzter Zeit übrigens überdurchschnittlich oft. Ja eh. Und? Oder eigentlich: Nein, tu ich gar nicht. Ich kenne mich gut aus mit Hirnwichsen, aber zu einem echten Schluss komme ich derzeit eher selten. Das sollte Nachdenken doch eigentlich bewirken, oder? Ich sollte das ändern. Entspannt, aber konsequent. Ich geh dann mal aufräumen…

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Gut, das Bild ist ein bisschen sehr dramatisch, aber ich hab grad kein anderes Baustellen-Foto zur Hand. Also einfach nicht wundern. 😉

 

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2 Gedanken zu „Baustellen aufräumen“

  1. Ich lese mit Vergnügen Deine sehr persönlichen Beiträge 🙂 Gratulation – Du bist eine Erzählerin im besten Sinne des Wortes. Du hast was zu sagen. Ich nehme an, dass Du so wie alle Schreibenden schon mit dem Gedanken gespielt hast, ein Buch zu publizieren? Das ist ein mühsamer Weg, ich weiß, wovon ich rede. Rund 100 Verlage angeschrieben, Antworten wie „Gut geschrieben, aber im Moment kein Markt“ oder „Gefällt uns, schreiben Sie uns nächstes Jahr nochmals an usw. usw. usw. Trotzdem solltest Du es versuchen. Du hättest zumindest schon einen fixen Käufer 🙂

    1. Vielen Dank, Norbert. 🙂 Buch? Hab zumindest schon öfter darüber nachgedacht. Aber mal schauen. Wie du schreibst, es ist kompliziert und mühsam. 😉

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