50 Shades of Green

Da sind sie doch noch: die Tränchen. Beim Abschied heute Morgen habe ich kein einziges verdrückt, jetzt kommen sie umso heftiger. Vier intensive Wochen hinterlassen eben ihre Spuren – und das ist gut so. Ich kann nicht zählen, wie viele Umarmungen ich hinter mir habe. Jede einzelne davon hat gut getan. Vielleicht werden wir in dieser Konstellation niemals wieder zusammen kommen, vielleicht aber doch. Das Universum wird schon wissen, was es uns zumuten kann. Für mich ist es trotz allem Trennungsschmerz (Vier Wochen! Himmel und ein bisschen Hölle! Leicht war’s nicht immer, aber schön und gut und notwendig.) kein Abschied. Denn Abschied heißt: für immer. Und unser „Servus, Baba und bis bald“ war kein Abschied für immer. Man trifft einander immer zweimal im Leben. Ich hoffe, es wird mehr als nur zweimal sein.

Was bleibt: Ein reines Gewissen. Das Wissen, dass ich im richtigen Moment das (für mich) Richtige tun und sagen kann. Viele neue Bekanntschaften geschlossen. Unzählige neue Blickwinkel auf das Leben entdeckt. Neue Möglichkeiten gesehen. Die Eroberung einer Burgruine, meiner Burgruine. Meines Ortes der Ruhe. Davon wollen noch ganz viele entdeckt werden. Nachts, ohne Taschenlampe, die Ruine bestiegen. In die Wiese gesetzt und die Stille unterm Sternenhimmel genossen. An einem sonnigen Tag einen neuen Weg nach oben gesucht. Wieder in die Wiese gelegt und den Wind gespürt. Kinderlachen genossen. Das Leben neu entdeckt. Mich selbst neu entdeckt. Kampfgeist wiedergefunden. Viel gelacht. Schürfwunden zugezogen, aber dabei gemerkt: Man darf auch hinfallen. Pflaster drauf, Bussi drauf, alles gut. Eine Privataufführung auf der Felsenbühne. Der coolste „Spielplatz“, den es gibt. Kurschatten gefunden, Kurschatten verloren. Eintrainierte Beziehungsmuster hinterfragt und (hoffentlich) zurückgelassen. Dem geflügelten Satz „Lass‘ uns lieber Freunde bleiben“ eine ganz neue Bedeutung verliehen. Geweint, noch mehr gelacht. Bis zuletzt. Herz geöffnet. Verletzungsrisiko in Kauf genommen. No risk, no fun. Tausend Mal „Danke“ gesagt. Überraschend viel Eindruck hinterlassen. Die Wiederentdeckung der Natur. Nach klammheimlichem, jahrelangem Aushungern endlich wieder Kultur in mein Leben gelassen. Hermann Nitsch kennengelernt. Zuerst das Museum in Mistelbach. Kurz darauf zufällig auch ihn. Dem Nitsch ein Bussi aufgedrückt – er konnte wahrscheinlich nicht erahnen, wie viel mir diese paar Stunden gegeben haben. Mehrere Strafpredigten über mich ergehen lassen. Abends zu spät ins Kurhotel gekommen (Hey, ich war mit dem Nitsch beim Heurigen! Ist das nicht die beste Ausrede der Welt?). Über den Durst getrunken (Okay, die Predigt war verdient. Aber hey, das Universum wollte auch das so passieren lassen… Und das Weinviertel… Okay, die war verdient.). Gelernt, verzeihen zu können. Gelernt, was ich meinem Körper und meiner Seele zumuten kann – und was nicht (mehr).

Erkannt, wie viele verschiedene Schattierungen von Grün es gibt. Vielleicht sind es 50, wahrscheinlich aber noch viel mehr. Ich hab‘ ihnen keine Namen zugeordnet, ich hab‘ einfach nur gestaunt. Gelernt, dass man füreinander da sein kann, auch wenn man einander kaum kennt. Dass Empathie tatsächlich nicht nur ein Wort ist, das mit „E“ beginnt. Gelernt, dass Worte mit „S“ meistens für schöne Dinge stehen. Dass Vorurteile von anderen oft aus Unwissen oder Unsicherheit entstehen. Dass ich mich damit konfrontieren kann, aber es nicht muss. Dass ich nicht immer alles bewerten muss. Dass zehn Minuten verdammt lange sind, wenn man einfach nur schaut, ohne zu bewerten. Dass andere Menschen ähnliche Probleme haben. Und ähnliche Lösungsansätze. Genossen. Einfach unendlich geborgen und umsorgt gefühlt. Wieder begonnen, zu träumen!

„Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“ Das hier ist definitiv noch lange nicht das Ende! Um die 50 (oder mehr) Schattierungen von Grün zu sehen, muss ich nicht um jeden Preis wieder durch Weinberge spazieren. Die habe ich auch direkt hier vor meiner Haustüre. Ich muss nur zulassen, dass sie mir auffallen. An jedem einzelnen Tag. Bis zum Wiedersehen und darüber hinaus!

c Sabine Karrer

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