50 Million Shades of Bodenbeläge

Zwei Terminverschiebungen später ist endlich so weit: Der Mietvertrag steht kurz vor der Unterzeichnung und die Umzugskisten sind so gut wie gepackt. Nur die Frage nach dem Bodenbelag könnte sich als Stolperfalle entpuppen. Das braune-Teppichböden-Drama konnte ich gerade noch abwenden (ja, auch 2017 verlegen Genossenschaften noch Teppiche in schicker 70er-Jahre-Optik), der Aufpreis für den Laminat ist jeden Cent wert. Doch bei Küche und Vorzimmer will ich sparen und belasse es bei dem PVC-Belag, den die Genossenschaft in Auftrag gegeben hat. „Ist der eh nicht hässlich?“ frage ich den Bodenleger extra. „Nein, der ist okay“, antwortet der.

Geschmäcker sind verschieden

Was ich nicht bedenke, aber nach getaner Arbeit mit Schrecken feststelle: Geschmäcker sind verschieden. Sehr verschieden. Mitunter kann man wohl nicht mal von Geschmack sprechen. „Haha bei dem Boden steht als Farbton vermutlich sogar ‚hässlich‘ drauf“, lacht mein Bruderherz, als ich ihm das Foto des verlegten Plastikbodens zeige. „Sieh’s positiv: Wenn dir was runter fällt, kann’s direkt liegen bleiben, das sieht man bei dem Muster wenigstens nicht“, urteilt ein Bekannter.

Aber nochmal alles von vorne? Den verlegten Boden rausreißen und einen neuen machen (lassen)? Ach ich werde mich schon daran gewöhnen. Zwar frühestens in 30 bis 40 Jahren, aber irgendwann bestimmt. Vielleicht wird sowas auch wieder modern (war sowas jemals modern?). Und überhaupt: Wer schaut schon ständig nach unten? Man kann ja die Augen auf die hübschen Möbel richten (an denen man sich dann die Knie blutig schlägt). Ich könnte einfach einen Teppich darüber legen. Genau, so mache ich das!

Gut nein, so mache ich das nicht. Ein neuer Boden muss her. Dringend.

PVC, Vinyl oder Fliesen?

Nachdem ich Stunden und Tage damit verbringe, das Netz nach Bodenbelägen zu durchsuchen, schließe ich für Küche und Vorzimmer zwar Laminat, Korkboden und Parkett weitgehend aus, kann mich aber deswegen noch lange nicht zwischen Fliesen, PVC und Vinyl entscheiden. Praktisch jeder meiner Bekannten bevorzugt Fliesen, erfahre ich. Selbst der Bodenleger, der noch einmal mit PVC-Mustern vorbei kommt, die ich alle nur geringfügig weniger hässlich als den bereits verlegten finde, würde seine eigene Küche fliesen, sagt er.

PVC ist relativ einfach selbst zu verlegen (meinen zumindest Freunde, die handwerklich begabter sind als ich), aber wohl nicht unbedingt schadstoffarm. Ist vielleicht eher egal, so lange es nicht brennt, aber zumindest habe ich dieses Argument nicht bedacht. Dass es Klick-Vinyl gibt, wusste ich bisher nicht einmal, das scheint mir aber eine sinnvolle Alternative zu sein. Fühlt sich wohl besser an als PVC, schaut besser aus und scheint zumindest laut dem Hornbach-DIY-Video selbst für handwerkliche Dodln wie mich wie einigermaßen gut zu funktionieren.

Aber ich will das Beste vom Besten und zunehmend verwirren mich Begriffe wie glasiert, unglasiert, Abriebgruppe, Steinzeug, Feinsteinzeug und gefaste Kanten. Und natürlich gefallen mir die Designer-Zementfliesen, die mir Pinterest aufs Auge drücken will, hundert Mal besser als alles, was der Baumarkt hergibt. Trotzdem schaue ich mich dort um, meine Geldbörse wird es mir danken.

Beige ist nicht gleich Beige

Ich bin jetzt nicht gerade der „grün ist grün“-Typ, aber allmählich sehe ich die Farben vor lauter Farbschattierungen nicht mehr: helles Beige, etwas helleres Beige, noch helleres Beige, geringfügig dunkleres Beige, Beige mit Beige marmoriert, Beige mit Beige und anderem Beige marmoriert, Beige in großen Quadraten, Beige in mittelgroßen Quadraten, Beige in kleinen Quadraten, längliche beige Fliesen in groß, mittelgroß und klein, beige Hexagon-Fliesen, Beige mit dunklen Fugen, Beige mit hellen Fugen, Beige matt, Beige glänzend, Beige extrem glänzend… Nur um beim Beispiel Beige und Fliesen zu bleiben.

Jetzt stelle man sich die gleiche Auswahl auch noch bei PVC und Vinyl vor. 50 Million Shades of Bodenbeläge, willkommen in der Welt der unendlichen Möglichkeiten! Mittlerweile glaube ich ja, dass alle Menschen, die schon mal einen neuen Boden ausgesucht haben, mit geschlossenen Augen auf irgendeinen Belag gezeigt haben. Oder heimlich einen Innenarchitekten beauftragt haben und mir nur erzählen, sie hätten sich selbst für einen entschieden.

Und es wird noch schlimmer

Vielleicht sollte ich mich doch das ursprünglich angedachte Schachbrettmuster in Schwarz-Weiß nehmen? „Geh bitte, mach das nicht, das schaut ja aus, als würde da im nächsten Moment ein Horrorclown aus dem Küchenkasterl springen“, sagt der Mann, der aus irgendeinem Grund annimmt, ich hätte ihn gerade damit beauftragt, meine neue Wohnung einzurichten. Ich lache, winke ab – und schon bei meiner nächsten abendlichen Aufzugfahrt in den Keller meine ich über mir das leise Singen eines Kindes zu vernehmen. Das Kind ist in Wirklichkeit ein Zombie, sitzt oben auf der Aufzugskabine und wartet nur darauf, dass irgendjemand in diesem Haus endlich den passenden Horrorfilm-Boden verlegt, um fortan in dieser Wohnung sein Unwesen zu treiben. Gut, danke, das war’s, Beige ist auch ein schöner Farbton.

Der Mann, der dieses Bild des Schreckens in meinen Kopf gepflanzt hat, weiß noch nicht, dass er das wohl nur mit einem Bier wieder gut machen kann. Einstweilen sollte ich mich aber trotzdem für einen Boden entscheiden, bevor ich noch selbst zum Zombie werde, in den Aufzugschacht flüchte und die anderen Hausbewohner mit meiner ganz und gar schrecklichen Version von Bad Moon Rising in Dauerschleife verstöre. „Ach, das ist nur diese Frau, die in die Wohnung nebenan einziehen wollte und dann plötzlich verrückt geworden ist. Wir wissen auch nicht, wie das passieren konnte…“

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